“Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.” (Kurt Tucholsky 1931)
Sonntag Abend hat Wikileaks bekanntlich 76.911 Reports der US Army aus den Jahren 2004 bis 2009 zum Krieg gegen Afghanistan geleakt. Wikileaks hat angekündigt, in naher Zukunft noch rund 15.000 weitere Reports nachzuschieben. Mein Parteibuch beschäftigt sich seitdem einerseits mit der Auswertung und Präsentation der Daten und andererseits mit der gezielte Irreführung der vorab informierten Medien über den Inhalt der Daten.
Eine Übersicht aller im Parteibuch bisher zu den Afghanistan-Warlogs und den dazugehörigen Medienberichten veröffentlichten Artikel findet sich im Parteibuch unter: Afghanistan-Warlogs - Übersichtsseite. Mein Parteibuch empfiehlt Lesern, die die bisherigen Artikel zu den Afghanistan-Warlogs in Mein Parteibuch noch nicht kennen, sich vor der Lektüre des nachfolgenden Artikels damit vertraut zu machen, da dort grundlegende Überlegungen dazu angestellt werden, welche Schlagseiten die veröffentlichten Daten aufweisen sowie zu welchen Fragen die Daten aussagekräftig sind und zu welchen sie es nicht sind.
In der ersten Datenanalyse hat Mein Parteibuch festgestellt, dass diesen Daten des US-Militärs zufolge, während einerseits die Anzahl der Besatzungssoldaten mit den Jahren immer weiter zugenommen hat, andererseits die Opferzahlen des Krieges auf allen Seiten kontinuierlich gestiegen sind, das mit Abstand schlimmste Jahr in jeder Hinsicht das letzte Jahr 2009 war und die Presseberichte aus dem laufenden Jahr 2010 die Vermutung nahelegen, dass dieses von weiteren Truppenaufstockungen gekennzeichnete Jahr noch schlimmer als das Jahr 2009 ist.
In der Datenanalyse dieses Artikels legt Mein Parteibuch den Schwerpunkt der Analyse darauf, wie die Kriegssituation sich in Hinblick auf Tötung, Verwundung und Gefangennahme von Widerstandskämpfern im Laufe der Jahre entwickelt hat. Mein Parteibuch hat dem Kriegstagebuch dazu folgende simple Frage gestellt:
SELECT SUBSTR( `Date` , 1, 4 ) AS Year
, Count( * ) AS EVENTS
, SUM( `FriendlyKIA` ) AS FKIA
, SUM( `FriendlyWIA` ) AS FWIA
, SUM( `HostNationKIA` ) AS HKIA
, SUM( `HostNationWIA` ) AS HWIA
, SUM( `CivilianKIA` ) AS CKIA
, SUM( `CivilianWIA` ) AS CWIA
, SUM( `EnemyKIA` ) AS EKIA
, SUM( `EnemyWIA` ) AS EWIA
, SUM( `EnemyDetained` ) AS ED
FROM `war_diary` WHERE (
DCOLOR = 'RED'
OR DCOLOR = 'BLUE'
) AND (
`FriendlyWIA` >=1
OR `FriendlyKIA` >=1
OR `HostNationWIA` >=1
OR `HostNationKIA` >=1
OR `CivilianWIA` >=1
OR `CivilianKIA` >=1
OR `EnemyWIA` >=1
OR `EnemyKIA` >=1
OR `EnemyDetained` >=1
) GROUP BY Year
Die einschränkenden Bedingungen, die in dieser Frage formuliert sind, sollen hier kurz erläutert werden.
Zur Einschränkung des Wertes “DCOLOR”: Wenn “DCOLOR” den Wert “RED” hat, dann ist - nach Meinung des Berichterstatters eine militärische Aktion des Kriegsgegners der Koalitionstruppen Thema des Berichtes, hat “DCOLOR” den Wert “BLUE”, so ist eine militärische Aktion der Koalitionstruppen Thema des Berichtes. Der Wert “GREEN” bedeutet, dass der berichtet keine militärische Aktion beschreibt. Mit diesem Wert sind beispielsweise Berichte zu Verkehrsunfällen belegt, an denen Koalitionstruppen und ihre Verbündeten beteiligt sind. Mein Parteibuch interessiert sich bei dieser Analyse nur für militärische Aktionen, also Datensätze, wo der Wert “DCOLOR” rot oder blau ist. Verkehrsunfälle und ähnliche Ereignisse sollen bei diese Analyse außen vor bleiben.
Zur Einschränkung der …WIA-, …KIA- und Detained-Werte: Durch diese Einschränkungen werden nur Reports betrachtet, bei denen mindestens eine Person verletzt, getötet oder gefangengenommen wurde. Genau das sind die Berichte, die Mein Parteibuch bei dieser Analyse interessieren. Andere Berichte, wie zum Beispiel Bombenentschärfungen, Desertierungen und Gefechte ohne Personenschäden, sollen bei dieser Analyse außen vor bleiben. Bemerkenswert ist, dass die Datenstrukturen des US-Militärs kein Feld enthalten, in dem die Berichterstatter vermerken können, wie viele Soldaten der Besatzungstruppen bei einem Ereignis von Widerstandskämpfern gefangen genommen wurden. Ereignisse wie die jüngste Gefangennahme eines US-Soldaten oder die Gefangennahme des US-Soldaten Bowe Bergdahl scheinen für das siegesgewisse US-Militär solch seltene Ausnahmeereignisse zu sein, dass sie dafür kein Feld in ihrer Datenbank vorgesehen haben.
Die geleakten Daten des US-Militärs haben auf die obige von Mein Parteibuch gestellte Frage folgendes geantwortet:
| Year | EVENTS | FKIA | FWIA | HKIA | HWIA | CKIA | CWIA | EKIA | EWIA | ED |
| 2004 | 500 | 21 | 121 | 218 | 297 | 219 | 207 | 333 | 90 | 623 |
| 2005 | 887 | 62 | 397 | 173 | 482 | 132 | 423 | 890 | 200 | 664 |
| 2006 | 2182 | 125 | 1031 | 587 | 1348 | 758 | 1687 | 2688 | 243 | 559 |
| 2007 | 3138 | 170 | 1468 | 924 | 1934 | 644 | 1773 | 4027 | 369 | 888 |
| 2008 | 2465 | 240 | 1204 | 674 | 1646 | 766 | 1895 | 2771 | 284 | 754 |
| 2009 | 4616 | 425 | 2606 | 1116 | 2344 | 1144 | 2443 | 4434 | 617 | 1573 |
Folgendes Wissen ist zum Verständnis der Zahlen wichtig: es gibt mehr Kriegsereignisse in Afghanistan als in den 76.911 geleakten Berichten abgebildet wird. Zum einen hat Wikileaks etwa 15.000 Berichte noch nicht veröffentlicht. Und zum Anderen sind laut Aussage von Julian Assange strenger geheim als “SECRET” klassifizierte Berichte nicht in den Besitz von Wikileaks gelangt; die meisten Berichte von Special Forces fehlen, Berichte von streng geheimen Militäreinheiten fehlen, Berichte über Aktionen von anderen Besatzern als US-Truppen fehlen und die Berichte der CIA sowie anderer Geheimdienste fehlen. Wie ein Vergleich des geleakten Berichtes vom Massaker in Kundus mit späteren unabhängigen Untersuchungsergebnissen zeigt, neigen die berichtenden US-Militärs außerdem dazu, kleinere Opferzahlen auszuweisen als es in der Realität gab und von ihnen getötete Zivilisten als Feinde zu deklarieren. Die absoluten Zahlen der Opfer des Krieges gegen Afghanistan sind also noch einmal um Faktor x größer als die Datenbasis sie abbildet, die dieser Tabelle zugrunde liegt. Trotzdem lässt die Datenbasis jedoch sinnvolle Schlüsse auf Entwicklungen und Relationen zu.
Folgendes Wissen ist zum Lesen der Beschriftungen der Kopfzeile notwendig: Die erste Spalte Year bedeutet auf deutsch Jahr. Die zweite Spalte EVENTS enthält die Anzahl der Berichte, die bezüglich der oben angegebenen Einschränkungen gefunden wurden, also die Anzahl der militärischen Ereignisse im jeweiligen Jahr, bei denen mindestens ein Mensch verletzt, getötet oder gefangengenommen wurde.
Der erste Buchstabe der Felder mit der Endung WIA/KIA der Kopfzeile ist wie folgt zu interpretieren:
F - Friendly (also Besatzerkräfte von ISAF und NATO)
H - Host Country (also afghanische Puppenkräfte von ANA und ANP)
C - Civilian (also Zivilisten, nach NATO-Schlägen sind das all diejenigen Afghanen, die sich beim besten Willen nicht zu Terroristen umdeklarieren lassen, Kleinkinder, Frauen, Greise)
E - Enemy (also Feinde, meist alle männlichen Menschen, die zwischen etwa 12 und 70 Jahren alt sind)
Die letzten drei Buchstaben der Felder mit der Endung WIA/KIA der Kopfzeile sind wie folgt zu interpretieren:
KIA - Killed in Action (also getötet bei einer Aktion)
WIA - Wounded in Action (also verwundet bei einer Aktion)
Die letzte Spalte ED, wie “Enemies Detained”, also “verschleppte Feinde”, ist die Spalte, die Mein Parteibuch bei dieser Analyse ganz besonders interessiert, denn sie beinhaltet die Anzahl der als Widerstandskämpfer gefangengenommenen Personen.
Mein Parteibuch interpretiert die Antwort der Daten auf die gestellte Frage wie folgt: In absoluten Zahlen werden einerseits immer mehr Menschen als “Feinde” verhaftet. Andererseits ist die Anzahl von getöteten Feinden insgesamt noch mehr gestiegen als die Verhaftungen von “Feinden” es sind. Betrachtet man die Anzahl von verhafteten relativ zur Anzahl von getöteten “Feinden”, so lässt sich folgendes feststellen: es werden relativ betrachtet immer mehr “Feinde” getötet anstatt sie zu verhaften. Im Jahr 2004 wurde noch noch ein vielfaches mehr an “Feinden” verhaftet, als getötet wurden. im Jahr 2009 hat sich das Verhältnis mehr als umgekehrt: es wird ein vielfaches der Personen, die als “Feinde” verhaftet werden, als Feinde getötet. Das Bild der Daten ist sehr klar: im Jahr 2004 waren die Koalitionssoldaten vornehmlich damit beschäftigt, Menschen zu verhaften. Im Jahre 2009 hingegen waren sie vornehmlich damit beschäftigt, Menschen zu töten. Der große Wandel kam im Jahr 2006: da wurden 2688 Feinde getötet und nur noch 559 gefangen genommen, also ein vielfaches der Menschen, die gefangen genommen wurden, wurden als Feinde getötet. Bis über das letzte Jahr 2009 hat sich das Verhältnis nicht mehr groß geändert, die als “Feinde” wahrgenommenen Menschen werden in der Regel getötet und nicht gefangen genommen.
Bemerkenswert bei der Auswertung ist auch folgende Tatsache: während Widerstandskämpfer viel mehr Koalitionssoldaten verletzen als töten, ist es bei den Koalitionssoldaten andersherum genau umgekehrt: es werden viel mehr Widerstandskämpfer getötet als verletzt. Daraus lässt sich die Schlussfogerung ziehen, dass die Koalitionssodaten seit etwa 2006 den expliziten oder impliziten Auftrag haben, nach Möglichkeit keine Gefangenen zu machen, sondern “Feinde” nach Möglichkeit zu töten.
Wer also die Behauptungen der westlichen Propaganda hört, die ruchlosen Taliban seien ganz fürchterlich brutal und sie würden Menschen köpfen anstelle sie gefangen zu nehmen, der möge sich anschauen, dass die Koalitionssoldaten laut den Zahlen des US-Miitärs seit dem Jahr 2006 viel häufiger töten als dass sie verhaften. Verhaftungen durch Koalitionssoldaten sind eher die Ausnahme, das Töten ist die Regel.
Par·tei·buch n. Heft mit persönlichen Daten und Mitgliedsnummer zum Beweis der Mitgliedschaft in einer Partei
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[…] sich entwickelt hat, empfiehlt Mein Parteibuch, sofern noch nicht geschehen, unseren Artikel ‘Afghanistan-Warlogs Datenanalyse - Mehr “Kill” als “Capture”‘ zu lesen. Unsere weiteren Artikel zur Bewertung der geleakten Daten und der irreführenden […]
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