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30. September 2009

Apropos Zeitungssterben

von @ 16:57. abgelegt unter Deutschland, Zensur, Medienmanipulation, Wahlen

Die im deutschen Zeitungskartell BDZV zusammengeschlossenen Verlage beklagen in letzter Zeit immer öfter, dass sie sich wegen der kostenlosen Nachrichten im Web finanziell nicht halten könnten und mit ihren “Qualitätszeitungen” der “Qualitätsjournalismus” sterbe. Im Jahr 2007 hielt BDZV-Präsident Helmut Heinen beispielsweise eine flammende Rede zur Rolle der Qualitätsmedien, die unter dem Titel “Es geht um Glaubwürdigkeit, Kompetenz, Verantwortung” veröffentlicht wurde.

Um den Siegeszug des Web und das damit einhergehende Zeitungssterben zu verhindern hat Marc Jan Eumann, Chef der Medienkommssion des SPD-Parteivorstandes, kurz vor der Wahl ein Strategiepapier erstellt, mit dem die SPD vor ihrer Abwahl umfangreiche staatliche Subventionen von Zeitungen zur Sicherung des Qualitätsjournalismus geplant hatte. Die SPD steht damit nicht allein, bei der CDU wird das Zeitungssterben tendenziell ähnlich beurteilt.

Tatsächlich sind die Gründe für das Zeitungssterben auch ganz wo anders zu suchen. Wer sie kennen möchte, sollte sich mal beispielhaft anschauen, wie und warum die Qualitätszeitung “Kieler Nachrichten” heute den Zollbeamten Wolfgang Dudda als treuen Abo-Leser verloren hat.

Wolfgang Dudda hat vor einiger Zeit beschlossen, sich politisch für die Stärkung der im Grundgesetz verankerten Grundrechte einzusetzen. Dazu hat er sich der frisch gegründeten Piratenpartei angeschlossen und ist nun Pressesprecher des Landesverbandes Schleswig-Holstein der Piratenpartei Deutschland.

Im Wahlkampf zu den jüngsten Wahlen bemerkten Wolfgang Dudda und andere politisch engagierte Menschen, dass der tradionsreiche Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag sich weigerte, über die kommunal sehr erfolgreichen “freien Wähler” und über den beliebten Newcomer “Piratenpartei” zu berichten. Die Frage, ob eine Stallorder des in weiten Teilen Schleswig-Holsteins mit einem De-Facto-Zeitungsmonopol ausgestatteten Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages eine unzulässige Beeinträchtigung der Freiheit der Wahl ist, dürfte demnächst die Wahlbeoabachter der OSZE beschäftigen. Der ob seiner besonders liebevollen konservativen Berichterstattung bestens bekannte Chefredakteur des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages, Stephan Richter, verteidigte die Nichtberichterstattung über den Wahlkampf von Freien Wählern, Piraten und anderen kleineren Parteien und Kandidaten in einer Stellungnahme damit, dass der Verlag allein schon aus Platzgründen zu einer Auswahl gezwungen sei und die Berichterstattung des Verlages sich daher auf die Parteien konzentriere, denen von Meinungsforschern realistische Chancen eingeräumt würden, in den Landtag oder Bundestag einzuziehen.

Bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein erzielte die Piratenpartei, wie der Landeswahlleiter feststellt, ein Ergebnis von 1,8% der Zweitstimmen, was zwar nicht reicht, um in den Landtag einzuziehen, die Piratenpartei in Schleswig-Holstein jedoch nach den sechs in den Landtag gewählten Parteien zur mit Abstand stärksten von den Parteien macht, die den Einzug in den Landtag wegen der 5%-Sperrklausel verpasst haben.

Die Qualitätszeitung “Kieler Nachrichten” veröffentlichte das Wahlergebnis der einzelnen Wahlkreise der Landtagswahl in Tabellenform. Dabei beschränkten sich die Kieler Nachrichten auf eine Auswahl von Parteien. Gedruckt wurden neben den Ergebnissen der in den Landtag gewählten Parteien die Wahlergebnisse der nicht in den Landtag gewählten Parteien “Freie Wähler” und “NPD”. Die Wahlergebnisse der Piratenpartei, die bei der Landtagswahl fast doppelt so viele Zweitstimmen wie “Freie Wähler” und NPD bekam und mehr als das dreifache der Erststimmen der NPD erreichte, wurden von den “Kieler Nachrichten” in der Tabelle mit den Ergebnissen hingegen nicht erwähnt.

Schön ist das für die Piraten natürlich nicht, wenn ihr für eine Erstteilnahme an den Landtagswahlen erstaunlich gutes Ergebnis in der einzigen namhaften dem Medienmonopol des sh:z gegenüberstehenden “Qualitätszeitung” veröffentlichten Ergebnistabelle weggelassen wird und stattdessen die Wahlergebnisse von Parteien mt weniger Stimmen veröffentlicht werden. Obwohl die Stallorder des Verlags im Wahlkampf gegen eine Berichterstattung über die Piraten das Gegenteil durchaus nahelegt, könnte es sich bei der Auswahl der Parteien für die Darstellung in der Tabelle natürlich schlicht um einen bedauerlichen redaktionellen Fehler handeln.

Wolfgang Dudda schrieb der Redaktion der Kieler Nachrichten daraufhin eine E-Mail, stellte sich als Abonnent der Kieler Nachrichten sowie als Pressesprecher des Landesverbandes Schleswig-Holstein der Piratenpartei Deutschland vor und fragte nach. Er fragte, warum die Kieler Nachrichten es vermieden haben, die Ergebnisse der Piratenpartei in der Tabelle zu veröffentlichen. Und er fragte, was aus Sicht der Kieler Nachrichten so wichtig an der NPD sei, dass sie diese verfassungsfeindliche, rechtsextremistische Partei in Ihren Tabellen erwähnt. Wolfgang Dudda gab den Kieler Nachrichten seine Mobilfunknummer, um eine schnellere Kommunikation zu ermöglichen. Die Kieler Nachrichten antworteten nicht.

Heute hat Wolfgang Dudda sein Abo der Kieler Nachrichten gekündigt und gebeten, die ihm zustehenden Restexemplare dieser für ihn “höchst überflüssigen Zeitung an die NPD zu schicken, die sich darüber gewiss freuen wird und möglicherweise so noch einen Restbezug zur Realität bekommt.” Den ganzen Vorgang, der im Detail zeigt, warum die Kieler Nachrichten den Zollbeamten Wolfgang Dudda als Abonnenten verloren haben, hat Wolfgang Dudda einschließlich seiner E-Mail-Anfrage an die Kieler Nachrichten sowie seiner Kündigung im Web, genauer auf seinem Weblog, unter dem Titel “Kieler Nachrichten”, die NPD und unvollständige Wahlergebnisse veröffentlicht. Sein Beitrag endet mit den Worten:

“Für das unabhängige Nachrichtenportal gegen die Zensur durch einseitig berichtende Zeitungen und Verlage suche ich nun Leute, die Lust haben, dabei mitzumachen.”

Mein Parteibuch ist dabei und hoffentlich werden es viele andere Menschen auch sein. Wir sind der Meinung, dass das für ein Abonnoment der Kiler Nachrichten oder einer Zeitung des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages ausgebene Geld viel besser im Aufbau von Strukturen für dezentralen Medien im Internet angelegt ist. Wie so etwas aussehen kann, kann beispielsweise beim unabhängigen Nachrichtenprotal Net-News-Global bestaunt werden, wo jeder mitmachen kann.

Mein Parteibuch meint, es ist wichtig, unabhängige Medien aufzubauen, denn ohne glaubwürdige, kompetente und verantwortungsvolle Medien ist Demokratie nicht denkbar. Auf Zeitungen, für die Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Verantwortung Fremdwörter sind, kann man hingegen gut verzichten.

Nachtrag: Dieser Artikel wurde am 01.10.2009 überarbeitet. Mein Parteibuch möchte sich bei Lesern dafür entschudligen, in der ursprünglichen Version des Artikels den Eindruck erweckt zu haben, die Kieler Nachrichten seien ein Produkt des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags. Tatsächlich gehören die als CDU-Lizenzzeitung gegründeten Kieler Nachrichten der “Kieler Zeitung Verlags und Druckerei”, an der die SPD über die Verlagsgruppe Madsack und die dd_vg beteiligt ist.

8 Kommentare zum Beitrag “Apropos Zeitungssterben”

  1. Wolfgang Dudda sprach

    Hallo!

    Den Worten folgen natürlich auch Taten.

    Habe soeben die Domain “www.shz-unzensiert.de” registriert, um das Nachrichtenportal zu beginnen.

    Suche dafür bekannte und weniger bekannte Autoren, die Lust haben, die Bevormundung der Schleswig-Holsteiner durch das Zeitungsmonopol des SHZ zu brechen.

    Meine Erreichbarkeit findet Ihr in meinem Blog.

    Vielen Dank an www.mein-parteibuch.com dafür, dass der unerträgliche Zustand hier in Schleswig-Holstein so bundesweit bekannt werden konnte!

  2. Canno sprach

    Ich denke, man muss schon bei den jungen leuten Aufklärungsarbeit leisten. Dazu aufrufen jede Information in den “Qualitätsmedien” nüchtern zu beurteilen. Dann könnnen wir nur noch hoffen, dass diese aufgeklärtere Generation noch genug freiheiten hat, in der Welt etwas zu ändern.

  3. Lumperladen sprach

    Wie Zeitungen ihre Abonnenten vergraulen…

    zeigt Wolfgang Dudda am eigenen Beispiel:
    Die Kündigung meines Abonnements versteht sich von selbst, sofern es sich bei dem Vorgang nicht um einen Irrtum handelt, den Sie zu korrigieren bereit sind.
    Auch mein Parteibuch befasst sich mit diesem Vor…

  4. Meckerpot sprach

    Wolfgang Dudda schmeisst zusammen, was nicht zusammen gehört: Die Kieler Nachrichten sind kein Produkt des SHZ.

  5. Wolfgang Dudda sprach

    Nein, ich schmeisse sehr wohl zusammen, was zusammen gehört.

    Die Besitzverhältnisse der “Kieler Nachirchten” sind andere. Das stimmt. Der Stil jedoch ist der des SHZ, der gezielt während des Waahlkampfes nicht über die FREIEN WÄHLER und die Piratenpartei berichtet hat (s.a. http://www.tage...rt15532,2907013).

    In meinem Beitrag habe ich keine Verbindung zwischen dem SHZ und den “Kieler Nachrichten” hergestellt. Der Domainname steht für “Schleswig-Holsteinische-Zeitung”, die jetzt erst einmal online als Portal startet. Was daraus wird, werden wir sehen.

    Möglicherweise entsteht daraus ja tatsächlich auch eine Printversion. Anfragen dazu habe ich bereits.

  6. Alex Rennenkamp sprach

    Als Journalist schäme ich mich für die Vorgänge in Schleswig-Holstein. Unser Berufsstand wird von genau solchen Provinzmagnaten in den Dreck gezogen und letztlich geknebelt. Möge möglichst viele Netzaktivisten auf diesen Bericht und weitere Entgleisungen aus Kiel verlinken. Es gehört an den virtuellen Pranger, was moralischen Anstand, politische Glaubwürdigkeit und journalistische Unabhängigkeit derart mit Füßen tritt!

  7. Womblog [Worte oder mehr] sprach

    Apropos Zeitungssterben…

    Von Redaktion | Mein Parteibuch Blog | – Die im deutschen Zeitungs-kartell BDZV zusammengeschlossenen Verlage beklagen in letzter Zeit immer öfter, dass sie sich wegen der kostenlosen Nachrichten im Web finanziell nicht halten könnten und mit i…

  8. Der Nordstern sprach

    Schade, dass es keinen Wolfgang Dudda in Hessen oder Sachsen gibt.

    Der Nordstern.

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