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11. September 2009

Mitzieheffekt oder Gefährdungseffekt gewünscht?

von @ 4:14. abgelegt unter Wahlprognose, Deutschland, Medienmanipulation, Wahlen, Demokratie, Bundestagswahl

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Albrecht Müller, Ex-Wahlkampfleiter von Willy Brandt und heute Macher der Nachdenkseiten, erklärte gestern den Unterschied zwischen Mitzieheffekt und Gefährdungseffekt durch die Umfragen von “Meinungsforschungsinstituten” wie folgt:

Vor einer NRW-Wahl in den Achtzigern trafen sich die für die Wahlkampfplanung und –umsetzung verantwortlichen Personen im Haus des Wahlkampfleiters der SPD in NRW. Nach ausführlicher Debatte und Entscheidung zu verschiedenen Projekten des Wahlkampfes warf der NRW-Wahlkampfleiter noch ein besonderes Problem und eine Frage auf: Manfred Güllner von Forsa wolle wissen, was für ein Ergebnis bei der nächsten Umfrage für die NRW-SPD gewünscht werde - ein gutes Ergebnis, um den Mitzieheffekt, den Bandwaggon, auszulösen, oder ein schlechtes Ergebnis, um die Gefährdung der SPD-Führung im Land zu signalisieren und so die eigenen Anhänger zu mobilisieren.

Bei den CDU-Kaffeesatzlesern aus Allensbach funktioniert Wahlforschung, wie aus der Geschichte bekannt ist, selbstredend auch nicht grundsätzlich anders als bei den Kaffeesatzlesern der SPD. Natürlich, in der aus einem Guss geschaffenen Bananenrepublik Deutschland darf man nichts anderes erwarten.

Wer sich nun, wie ein Großteil der reichlich gutgläubigen deutschen Bevölkerung, trotzdem noch für clever hält, wenn er taktisch entsprechend der Wahlprognosen und der von ihm wenigsten schlimm empfundenen Koalition wählt, der wird hoffentlich nicht auf Prognosen von TNS, also beispielsweise den ARD Deutschlandtrend, zurückgreifen. TNS gehört schließlich, wie jedermann bei jeder Prognose erklärt bekommt, dem britischen Werbekonzern WPP Group, dem neben TNS auch so seriöse Marketingfirmen wie Hill & Knowlton gehören.

OK, Spaß beiseite, niemand erklärt den Opfern der Meinungsmache solcher Meinungsforschungsinstitute, wem die Bude gehört, die die entscheidenden Zahlen für viele taktische Wähler liefert. Aber wie Schwesterfiirma Hill & Knowlton mit der Brutkastenlüge sowohl den UN-Sicherheitsrat als auch die Weltöffentlichkeit verarscht hat und den ersten US-Krieg gegen den Irak ermöglicht hat, das ist wirklich legendär und lässt sich in jedem besseren Buch zur Geschichte exzessiver verlogener Propaganda nachlesen.

Hat sich jemand mal die Mühe gemacht, die Prognosen der letzten drei Landtagswahlen mit dem Ergebnis zu vergleichen? Da lagen die Prognosen auch satt um so viele Prozentpunkte daneben, dass sich die ganzen Prognosen als kaum etwas anderes als Kaffeesatzleserei entpuppt haben.

Beispiel 1: Die Forschungsgruppe Wahlen vom Schwarzfunk ZDF prognostizierte am 21.08.2009 16% für die Linkspartei im Saarland. Ergebnis am 30.08.2009: 21,3%. Also mehr als 5% zu wenig. Wollte da wohl jemand auf Biegen und Brechen einen Mitzieheffekt verhindern?

Beispiel 2: Das Leipziger Institut für Marktforschung prognostizierte der SPD am 22.08.2009 14% in Sachsen. Ergebnis am 30.08.2009: 10,4%. Also 3,6% zuviel prognostiziert. Beinahe Ein-Drittel Abweichung nach oben für diese Kleinpartei. Wollte da wohl jemand einen Mitzieheffekt erzeugen?

Beispiel 3: Das Leipziger Institut für Marktforschung prognostizierte der CDU am 22.08.2009 37% in Thüringen. Ergebnis am 30.08.2009: 31,2%. Also satte 5,8% zuviel prognostiziert. Wollte da jemand um jeden Preis verhindern, dass für die CDU ein Mitzieheffekt nach unten auftritt?

Man stelle sich mal vor, wie die Wahlen ohne diese Art der Beeinflussung taktischer Wähler durch falsche Prognosen ausgegangen wären. Die Wahlklatschen für das regierende Elend wären sicher deftiger ausgefallen. Es mag sich jeder Prognosen und Ergebnisse anschauen, weitere groteske Falschprognosen in den Zahlen entdecken und selbst über die Gründe für die grotesken Falschprognosen nachdenken. Hier bitte schön: die letzten Wahlprognosen vor den Landtagswahlen im Saarland, in Sachsen und in Thüringen. Und hier die Ergebnisse der Wahlen. Natürlich woll auch nicht vergessen sein, dass der Spiegel, das bekanntermaßen grob manipulative Wahlkampfblättchen von FDP/CDU, für die taktischen Wähler auch gleich einen “Koalitionsrechner” für die Kaffeesatzprognosen anbietet, und dadurch Manipulationen durch absichtliche Falschprognosen die größtmögliche Durchschlagskraft verleiht.

De Moral von der Geschichte: taktisches Wählen ist Mist. Die Prognosen sind dazu da, die Wähler den “etablierten” Parteien in die Arme zu treiben. Echter Wechsel soll so verhindert werden. Wer taktisch wählt, liefert sich den Manipulationen der “Meinungsforschungsinstitute” aus. Wählen entsprechend der eigenen Überzeugung ist richtig: egal, was die Güllners dieser Welt für Gülle erzählen. Machen das viele Leute, dann klappt’s vielleicht auch mal mit einem vernünftigen Wahlergebnis.

12 Kommentare zum Beitrag “Mitzieheffekt oder Gefährdungseffekt gewünscht?”

  1. Heute schon manipuliert worden? « Urs1798’s Weblog sprach

    […] Ärzte und Psychologen, sie weigern sich,die Kriegsmaschinerie zu unterstützen. Und immer noch ist Wahlkampf, was machen da ein paar tote Zivilisten schon aus. Sie werden schnellstens unter den Teppich […]

  2. Harry sprach

    @Redaktion

    zur BT-Wahl am 27.09.09

    “Der Dicke” pflegte als B-Kanzler zutreffend zu sagen: Solln doch “die Sozn” (Kohls Lieblingsterminus für SPD-Leute) “die Umfragen” gewinnen … Da kannste als UL (Unabhängiger Linker), der mit dieser SPD, für die nun auch Herr GraSS mal wieder trommelt, nix am politischen Hut hat, d i e s e m Herrn Ex-Bundeskanzler kaum widersprechen;-).

    Auch die letzten “Sonntagsfrage”-Prozentuierungen des Dr. Manfred Güllner (”forsa”) vom 09.09.09 waren nicht seriös: sie erfassen nicht die noch Unentschlossenen, von denen ein Teil doch wählt (davon um 2 % ungültig bei der letzten NRW-Kommunalwahl 30.08.09) und ein anderer Teil nicht (mehr oder noch nicht) wählt (NRW 30.08.09: 47 % der Wahlberechtigten). Ist aber erstmal gewählt worden, ist die Wahlbeteiligung für Stimmenanteile und Sitzverteilung/en unwichtig. Dann kommt´s wie nächstens bei der BT-Wahl am 27.09.09 vor allem auf die 5-Prozent-Sperrklausel an. Diese halte ich grad bei den hochprozentigen BT-Wahlen (auch nicht erst seit gestern) für antidemokratisch: 1 % tät auch reichen.

    Im Zusammenhang mit Nichtwähler/innen - den Wahlberechtigten, die ihre Stimme/n nicht abgeben, sondern ihre Stimme/n durch Wahlenthaltung behalten - wurde schon 1990 die wissenschaftliche THESE VOM DOPPELTEN DEMOKRATISCHEN DEFIZIT vertreten: Es gibt im parlamentarischen System hierzulande nicht nur ein grundlegendes Repräsentativitäts-, sondern ebenso ein massives Partizipationsdefizit, also beides - mangelnde passive Vertretung u n d mangelnde aktive Teilhabe - zugleich und gleichzeitig (vgl. Richard Albrecht, http://ricalb.f...-soziologie.pdf).

    Zur aktuellen BT-Wahl 2009 würde kürzlich daran erinnert, daß gerade Nichtwählen sinnvolles soziales Handeln sein kann (vgl. Thomas Brussig, http://www.tage...;art772,2881185).

    Mit bestem Gruß

    Harry

  3. Was so bewegt! » Blog Archive » Eine Illusion von Demokratie und Wahrheit! sprach

    […] effektiv sind Umfragen und wem nutzt dieses? Mit dieser Frage wird sich hier auseinandergesetzt. Die Manipulation ist allgemein, die Zielgruppe all unfassend und die Ziele […]

  4. Name²³ sprach

    Das Allensbacher Institut:
    Merkwürdig sind bei denen auch die Arbeitsbedingungen von den “freiberuflichen Mitarbeitern”. Hatte mich letztes Jahr beworben und staunte über die vertraglichen Bedingungen. U.a. sollte man für den benötigten Laptop (älteres Model) den doppelten Kaufpreis (~1000€) auf Raten abbezahlen. Dazu noch das Provisionsmodell, welches kaum einen existenzsichernden Lohn ermöglicht.
    Sumasumarum wäre man mit einem Lohn von 10€ auf freiberuflicher/selbstständiger Basis (inkl. aller damit verbundenen Schikanen wie z.B. Wegfall des Kündigungsschutzes, keine Einzahlung in Krankenkasse/Arbeitslosenkasse/Rentenkasse usw.) bei sehr schneller & guter Arbeit dort ein Spitzenverdiener.

  5. Der Nordstern sprach

    @Name23:

    Solche Saftläden gibt es in Deutschland zuhauf! Finger weg auch von Buden, wo der Chef einen Hochschulabschluss Betriebswirt (oder noch schlimmer Volkswirt) in der Tasche hat. Die halten sich nämlich für besonders schlau (und ziehen dann z.B. ihre Steuerberater auch mal als “Rechtsberater” heran).

    Der Nordstern.

  6. Anonymous sprach

    @Name23, Nordstern u.a.

    … ganz Recht. Mir hat auch noch niemand erklären können, warum deutsche TV-Hauptstadtschurnalisten wenn sie Blondie, Blödie oder sich selbst meinen stets von “blauäugig” kwatttschen ?

    Gruß;-) Harry

  7. Thomas sprach

    Taktisches Wählen wird momentan gehypt - habe schon einige Artikel in der ‘bürgerlichen’ Presse darüber gelesen. Vollkommener Schwachsinn - denn es wird davon ausgegangen dass Politik nur durch Regierungsparteien gestaltet wird und man deswegen ‘koalitionstaktisc’ wählen sollte. Fakt ist, wenn ich die Linke wähle, so bekommen die etablierten Parteien erhebliche Angst und rücken etwas mehr nach links. Man kann auch wenn man in die Opposition hinein wählt Themen auf die Agenda setzen. Hier findet mal wieder Augenwischerei statt –> deswegen sehr guter Post zur akuellen Diskussion von Parteibuch!

  8. Michael Mugge sprach

    Ich fänd’s gar nicht so übel, wenn schwarz/gelb eine knappe Mehrheit bekommen würde. Wenn danach die Entlassungen losgehen und die Mwst auf 25% hochgeht, der Kündigungsschutz gelockert und Hartz 4 gekürzt wird, die Zeitarbeit ausgebaut und der Mindeslohn flächendeckend eingestampft wird, dann werden es alle mit schwarz/gelb in Verbindung bringen und die knappe Mehrheit wird schwer auf Linie zu bringen sein.

    Es würde mich echt freuen, die mal so richtig abstürzen zu sehen, aber dafür müssen die erstmal an der Macht sein.

  9. Redaktion sprach

    @Michael Mugge
    Nee, um Himmels willen. Wenn Faschisten einmal die Macht ergriffen haben, dann wird man sie nicht mehr los. Die schalten die Medien vollends gleich und sorgen mit der Staatsmacht dafür, dass die Opposition zerschlagen wird. Entlassungen und Sozialleistungskürzungen werden Gewerkschaften und der Opposition wegen zu hoher Lohn- und Sozialleistungsforderungen in die Schuhe geschoben und Proteste dagegen niedergeknüppelt.

    Schau nach Italien, wie es läuft, wenn so ein Berlusconi mal kurzzeitig an die Macht kommt. In Deutschland würde da nichts anderes passieren - sollte schwarz-gelb die Wahl gewinnen, dann werden die sich sehr, sehr lang nicht mehr von der Macht vertreiben lassen.

  10. harry sprach

    @Mugge

    Die Abwirtschaftsthese war politikhistorisch schon 1933 falsch (damals von der SPD-Führung vertreten). Die ihr unterliegende Vorstellung vom Verschärfen der Widersprüche bis hin zum Zusammenbruch des kap. Systems ist naive Kladderadatschideologie. Rosa Luxemburg hat mit ihrem
    Vermittlungsversuch Reform - Revolution ebenso dagegen gehalten wie Wladimir Lenin in seiner politikhistorisch richtigen Bestimmung einer revolutionären Lage - die Oben können nicht mehr
    können und die Unten wollen nicht mehr …

    Ihre Schadensfreude würde Sie, ergäbe sich Ihre pol. Optionsvariante, teuer zu stehn kommen
    falls Sie nicht noch das Lager wechseln … weitere “Verschärfung” von Peter-Hartz-4, etwa der Zumutbarkeitsregelungen und/oder Kürzung der Regelsätze, ist gegenüber den Armutbetroffenen zynisch, will sie nur als politstrategische Manöviermasse benutzen. Da wundern Sie sich nur nicht, wenn Sie im wirklichen Leben von wirklichen Menschen mal´n paar aufs Maul gehaut kriegen

    @Redaktion

    Faschismus in bekannten geschichtlichen Formen des zur-Macht-Kommens und des-Macht-Ausübens wie 1922 in Rom und 1933 in Berlin wirds m.E. hierzulande nicht mehr geben (können). Eher “friendly fire” (Klaus Theweleit) als demagogischer “Faschismus mit Herz”, massenmedial durch sujektiv einschmeichelnde und objektiv nachhaltig wirksame Verdummungsindustrie - wird inzwischen auch als Berlusconisierung Ganzdeutschland erkannt/bekämpft, z.B. Anti-Bertelsmann-Initiative,

    Gruß

    Harry

  11. Redaktion sprach

    @Harry
    Da möchte ich widersprechen. Recht gebe ich dir, dass die Abwirtschaftsthese seit 1933 vollkommen widerlegt ist.

    Ich gehe allerdings davon aus, dass, wenn die Verdummungsindustrie a la Berlsuconi nicht funktioniert, die rechten und transatlantischen Kräfte keine Scheu davor haben, zu versuchen, Deutschland in den offenen Faschismus zu überführen.

    Wie das geht, wurde beispielswiese in Chile mit Pinochet deutlich gezeigt. In der europäischen Geschichte gab es in Giechenland ähnliches. Es gibt zahlreiche weitere Beispiel dafür.

    Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Faschisierung in der Gegenwart nicht mehr Mittel der rechten Politik ist, wenn andere Mittel versagen. In der Gegenwart sehen wir gerade, wie die Überführung einer sich nicht in Richtung industrieller und pro-amerikanischer Kräfte entwickelnden Demokratie in Honduras mit tatkräftiger Unterstützung der deutschen FDP in den Faschismus überführt wird.

    Warum sollte das in Deutschland anders sein, wenn eine demokratische Mehrheit gegen rechts zustande kommt?

  12. Womblog [Worte oder mehr] sprach

    Mitzieheffekt oder Gefährdungseffekt gewünscht?…

    Von Redaktion | Mein Parteibuch Blog | – Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Albrecht Müller, Ex-Wahlkampfleiter von Willy Brandt und heute Macher der Nachdenkseiten, erklärte gestern den Unterschied zwischen Mitzieheffekt und Gef……

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