Der Professor für Soziologie an der FH-Bielefeld Heinz Gess betreibt eine lustige Webseite kritiknetz.de. Verlinkt hat Heinz Gess dort nicht zuletzt einige Webseiten, die man flapsig als Hurra-Israel-Fraktion oder in Anlehnung an Wayne Madson als Bush-Cheney-Likud Schmierkampagnen-Netzwerk bezeichnen könnte. Andere würden die Links vielleicht typisch für Antideutsche nennen. Das Netzwerk aus Webseiten wie Broders Achse des Blöden, Honestly Concerned, Lizas Welt, Jungle World oder Hamburger Studienbibliothek ist im Internet jedenfalls bestens bekannt.
Letztes Jahr gab es in Bielefeld eine fröhliche Kirchenbesetzung unter Beteiligung von hochgestellten Persönlichkeiten zur Verhinderung des Verkaufs der Kirche an die jüdische Kultusgemeinde. Die Besetzer wollen laut Gemeindemitglied Claus Grünhoff, von Beruf Vorsitzender Richter am Landgericht, das Gemeindehaus lieber gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde nutzen. Heinz Gess hat auf Kritiknetz.de anlässlich der Kirchenbesetzung unter anderem folgende Sätze publiziert:
Die Besetzer exekutieren damit jenen Quälgeist, von dem die Welt zu befreien wäre. Er - nicht diese oder jene Form - ist schlechthin das Übel. Zurzeit wütet er weltweit als muslimischer Quälgeist.
Dass Christen ihre judenfeindliche Vergangenheit vorgehalten wird, ist sicher begrüßenswert. Ein Professor für Soziologie, der auf seiner Webseite anlässlich einer christlichen Kirchenbesetzung allen Ernstes publiziert, es wüte derzeit weltweit ein muslimischer Quälgeist, ist hingegen schwer erträglich.
Angesichts solcher Worte könnte man glauben, der Professor wolle damit seinen Lesern durch die Blume erklären, es wüte derzeit weltweit ein muslimischer Quälgeist, der schlechthin das Üble sei. Dass die blutigste Gewalttat der jüngeren Zeitgeschichte, nämlich der brutale US-amerikanische Überfall auf den Irak mitnichten von Muslimen begangen worden ist, scheint dem Soziologie-Professor entgangen zu sein. Dazu, ob seine Sätze geeignet sind, Religionshass zwischen Muslimen und anderen religiösen Gruppen anzustacheln, mag sich jeder selbst Gedanken machen.
Den Besetzern gefiel der Artikel von Heinz Gess vermutlich auch nicht. Das Vorhalten der judenfeindlichen Geschichte des Christentums ist sicher nicht angenehm.
Am 7. April 2008 erschien im Kritiknetz des Heinz Gess ein Artikel zum braunen Teil der Wurzeln des grünen Bataillons der NATO. Neues gab es da nicht. Die grün-braune Geschichte und Figuren wie August Haußleiter und Werner Haverbeck, der in der Anfangszeit der FH Bielefeld dort peinlicherweise eine Weile unterrichten durfte, sind schon lange bestens bekannt. Aber natürlich ist es richtig, auf den ekligen braunen Teil der Wurzeln der Grünen immer wieder mal hinzuweisen. Dieser Teil der Geschichte der Grünen soll schließlich nicht in Vergessenheit geraten.
Im Artikel auf dem Kritiknetz zeigt jedoch gleich der zweite Satz, wo es lang geht:
“Zu diesem Wiederaufleben neofaschistischen Gedankenguts im ökosystemischen Jargon haben auch jene Leute beigetragen, die die Partei der Grünen früher mit Forderungen wie Ausstieg der BRD aus der Nato, Öko-Bauerntum auf reiner deutscher Scholle mit ausschließlich heimischen Gewächsen, Solidarität mit dem ‘arabischen Volk’ gegen den “Aggressorstaat” Israel, dem “Nazi-Staat von heute” und dauerhaftem Nullwachstum prägten und die ihre pseudo-antikapitalistische, völkische Gesinnung kundtaten in Parolen gegen den mächtigeren Nationalstaat USA - “USA,SS,SA” - der massenhaften Verbreitung antiamerikanischer und antijüdischer bzw. antiisraelischer Ressentiments, im exportfördernden “kritischen Dialog” mit Regimen und Rackets, die auf die Vernichtung des Staates Israel eingeschworen sind (wie das iranische Regime, Hamas, Hisbollah, Muslimbruderschaft) , der Abwendung vom Monotheismus zugunsten esoterischer, neuheidnischer Kulte und der Anbetung des (Öko-) Systems.”
Aufmerksame Leser, Kenner des antideutschen Gedankenguts und der israelischen Rechten könnten bei dem obigen Satz meinen, da unterschwellig bekannte simple Botschaften herauszuhören wie “USA und Israel sind gut”, Ausstieg der BRD aus der Nato und kritischer Dialog mit arabischen Organisationen wie der Regierung Irans, Hamas, Hisbollah, Muslimbruderschaft sind schlecht. John McCain bringt sowas auf die griffige Formel “Let’s bomb Iran“.
Das Rektorat der FH Bielefeld stört sich an diesem Satz jedoch offenbar nicht. Dafür hat das Rektorat der FH Bielefeld unter Leitung von Beate Rennen-Allhoff offenbar unter Hinweis auf eine andere Textpassage ein Disziplinarverfahren gegen Heinz Gess eingeleitet.
Die Berliner Blätter für Psychoanalyse und Psychotherapie schreiben dazu:
Die Einleitung des Disziplinarverfahrens begründet Rektorin Rennen-Allhoff mit folgender Passage des Textes von Gess:
„Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang noch, dass der Werner Haverbeck an der FH Bielefeld ungeachtet seiner Nazi-Karriere und neofaschistischen Aktivitäten ungestört seinen ideologischen und politischen Geschäften nachgehen und seine verdorbenen Früchte als „Professor für Sozialwissenschaft“ unter die Studierenden bringen konnte, ohne je dafür an der FH in die Kritik zu geraten und ohne dass das Rektorat der FH es je für nötig gehalten hätte; sich von seinem Tun oder seinen Schriften zu distanzieren, dass aber dasselbe Rektorat (nicht in persona) und dessen Personalabteilungsleiter es für dringlich hält, sich von dem Herausgeber dieser Seite und der „Internetzeitschrift für kritische Theorie der Gesellschaft“ das Kritiknetz, ausdrücklich zu distanzieren.“
Gess habe seine Dienstpflichten verletzt, weil er damit Maßnahmen der Verwaltung öffentlich kritisiert habe, urteilt die FH-Rektorin.
Bei der Hurra-Israel-Fraktion des Internets ist das Geschrei nun groß. Bei Honestly Concerned gibt es gar einen Aufruf, Solidaritätsschreiben zur Unterstützung von Heinz Gess zu verschicken. Auch die taz und die Holtzbrinck-Miliardärspresse machen mobil.
Natürlich ist der Vorwand des Rauswurfes absurd. Andererseits sind Hochschulen auch nicht der richtige Ort, um wütende Quälgeister - Hetzer darf man sicher nicht sagen - sich austoben zu lassen.
![]() |
| Gewaltmonopol |
Par·tei·buch n. Heft mit persönlichen Daten und Mitgliedsnummer zum Beweis der Mitgliedschaft in einer Partei
[24 queries. 4.887 seconds. 9 level2 caches. Top ]
Ohne manche sehr fragwürdige Position –sowohl in Präsentation und vor allem dem Inhalt nach- von Prof. Gess zu teilen, ist der Vorgang juristisch kaum nachvollziehbar und allenfalls nur rechts-politisch „verständlich“.
„netzkritik“-Websites vom FHS-Webcontent auszuschließen ist nicht zu kritisierendes Hochschulrecht, vorausgesetzt der Akt vs. Beschluss hat formale Grundlagen.
Dem „vermutlich“ längst unbequemen Prof jedoch öffentliche Äußerung über den rechtsextrem engagierten Haverbeck als Pflichtverletzung vorzuwerfen, nährt die Vermutung, dass Gess hier ein Dienst- oder sonstiges Hochschulgeheimnis ausgeplaudert habe, wogegen allerdings bekannte Gerichtsverfahren gegen Haverbeck und sein Umfeld sprechen. Die jüngst endlich vom Bundesinnenministerium verfügten Vereinsverbote mit Vermögenseinziehung, die Witwe U. Haverbeck betreffend, aktualisierten das Thema. Selbst wenn Haverbeck entsprechend den Gesetzen nach Artikel 131 GG in der FSH Bielefeld tätig gewesen wäre, wonach eine bestimmte Quote an ehemaligen Angehörigen der nationalsozialistischen Regierung und Verwaltung einzustellen war, fehlt es an einem Rechtsgrundsatz, der die öffentliche Nennung der Hintergründe dazu inkriminiert.
Aber vielleicht gibt es einen hochschulinternen Kollegialbeschluss oder gar ein notariell (zivilrechtlich) vereinbartes Schweige-Gelübde dazu? Oder liegts an politischer Orientierung des Rektorats zu vermuten wäre, dass frau deshalb den „Skandalon Gess“ endlich loswerden könnte? Öffentliche faktenorientierte Kritik (Rücktritt 1971 des BGH Senatspräsidenten Baldus in Kaduk-Revisionsverfahren wegen Vorwurf Befangenheit aus NS-Zeit; harsche Kritik des Mitinitiators des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt und General-Staatsanwalts Fritz Bauer am damaligen ganzen BGH; „Freiheit richterlicher Meinungsäußerung“ in kritische Justiz; „Ex-Nazirichter verurteilt ehemaligen Widerstandskämpfe“) tolerieren zwar die Obersten Gerichte sogar für bzw. an sich selbst! Aber will im Gegensatz dazu vielleicht die FHS-Verwaltung den infaliblen ex-cathedra-Status für sich reklamieren? Das derzeit vernehmbare Rektorats-Streitmuster erinnert an zielführenden Zerrüttungsstreit auf Basis psychologischer und tatsachenneutraler Argumentation, was der forschen Rektorin statt vielleicht erhofftem Vorteil noch karrierehinderlich werden könnte, wenn sie nicht im Verfahren substantiierte Vorwürfe nachzuschieben hat.
Genau das aber schädigt schon im Vorfeld das Ansehen der FHS objektiv, weil das Rektorat damit den Verdacht nicht nur intellektueller Unredlichkeit auf sich zieht. Wer wünscht sich schon braune Sumpfdotterblumen in Hochschulvorgärten - im eisernen Schweigen des Lehrkörpers könnte man das Gegenteil vermuten.
Würden dem mit Diszi angegriffenen Prof tatsachenneutrale und/oder beleidigende Äußerungen vorgeworfen, die er trotz Vorhalt nicht korrigieren wolle, wäre ja alles verständlicher. Die öffentlich greifbaren Vorwürfe gegen Gess gebieten, aus prinzipiellen Gründen des Schutzes der Meinungsfreiheit, das hier bekannte Vorgehen und Verfahren als ablehnenswert zu bewerten. Selbst wer alle inhaltlichen Positionen von Gess ablehnt, müsste jene als rechtsfehlerhaft und deshalb rechtswidrig zu bewertenden Verfahrensgrundlagen im demokratischen Rechtsstaat als ideologisch motiviert entlarven und deshalb vollinhaltlich ablehnen
Korrektur zu meinem Beitrag
richtig: Widerstandskämpfer (falsch: Widerstandskämpfe);
… Orientierung des Rektorats. Zu vermuten wäre, dass (Korrektur der Interpunktion)