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20. April 2008

Wenn die Tagesschau von Desinformation berichtet …

von @ 2:18. abgelegt unter Tagesschau.de, Medienmanipulation, Mexiko
Tagesschau Desinformation
“Desinformation”
Quelle: Tagesschau.de

Michael Castritius berichtet aus dem ARD-Hörfunkstudio Mexiko über die von der konservativen “Regierung” geplante Aufnahme privaten Kapitals bei der staatlichen Erdölfirma Pemex in Mexiko und schließt dabei mit den Sätzen:

“So droht in Mexiko eine von allen Experten als existenziell angesehene Reform durch Desinformation zu scheitern, am Widerstand gegen eine Privatisierung, die gar nicht zur Diskussion steht. Dass die Regierung den Tiefsee-Reichtum für Krankenhäuser, Schulen und den Ausbau von Straßen verwenden will, ändert daran nichts.”

Der Witz ist gut. Wenn die Tagesschau von Desinformation berichtet, dann ist das etwa so, als würde Baron Münchhausen erklären, dass andere Leute Lügengeschichten erzählen.

Wer noch mal darüber lachen will, wie man mit absurden Desinformationen im Rekordtempo jegliche Glaubwürdigkeit verspielt, mag sich gern noch mal den Beitrag “Wenn Bilder lügen” anschauen. Natürlich hat die Tagesschau sich für die Kampagne, die sie gerade zur Unterstützung der USA beim fortgesetzten Versuch der Destabilisierung von China gefahren hat, auch nicht öffentlich entschuldigt. Und nun wirft ausgerechnet die Tagesschau dem mexikanischen Politiker López Obrador sinngemäß vor, er habe eine falsche Lunte der Desinformation gelegt, auf die bloß Demonstrantinnen wie Sofía und Tischler wie Humberto aufgrund von irrationalen Gefühlen zu Hunderttausenden reinfallen. So was darf man wohl Chuzpe nennen.

Dass das, was als Schlusssätze des Tagesschau-Artikels den Lesern in den Köpfen hängen bleiben soll, nichts als Desinformation ist, lassen bereits die Worte “von allen Experten als existenziell angesehene Reform” erahnen. Wer schon mal einen Blick auf die Nachdenkseiten oder ins INSM-Watchblog geworfen hat, weiß, wie in allen Massemedien präsente, hochbezahlte Experten in Deutschland die Leute zur Durchsetzung von geschäftlichen Partikularinteressen systematisch durch die Verbreitung von ausgemachtem Blödsinn in den Massenmedien in die Irre zu führen versuchen und ist bei der Formulierung “von allen Experten” entsprechend misstrauisch.

Um zu erkennen, dass auch der Rest des Artikels in der Tagesschau nichts anderes als einseitige Desinformation ist, benötigt man jedoch einige Information, die dem Artikel von Michael Castritius überraschenderweise nicht zu entnehmen sind. So schreibt Michael Castritius vom “Widerstand gegen eine Privatisierung, die gar nicht zur Diskussion steht”. Ach, wirklich?

Die Financial Times Deutschland zitierte gerade den Energieanalysten David Shields aus Mexiko-Stadt wie folgt: “Das scheint nicht die gewünschte Energiereform zu sein, sondern eine, die politisch durchsetzbar ist.” Anders ausgedrückt bedeutet das wohl, dass eine Privatisierung einzig und allein deswegen nicht zur Diskussion steht, weil Demonstrantinnen wie Sofía und Tischler wie Humberto sich so entschieden gegen den Ausverkauf der Errungenschaften der Revolution ihrer Väter wehren und es nicht zulassen wollen, dass in den Startlöchern stehende Unternehmen wie Chevron dem mexikanischen Volk gehörende Bodenschätze bekommen.

Ob es überhaupt notwendig ist, ausländische Investoren zu holen, um mexikanische Bodenschätze zu heben, ist natürlich auch umstritten. So schrieb etwa John Ross in einem Artikel bei Counterpunch kürzlich, dass dies selbst beispielsweise ein Sohn eines ehemaligen Präsidenten bezweifelt:

“Calderon and his cohorts seek to persuade Mexicans that PEMEX is broken, the reserves running out, and the nation’s only hope is in deep water drilling in the Gulf of Mexico. Drilling for what the Calderonistas describe as “The Treasure of Mexico” in a widely distributed, lavishly produced infomercial, will require “association” with Big Oil. But as many experts such as Cuauhtemoc Cardenas, son of the president who expropriated the oil in the first place, point out, it is not at all certain that these purported deep sea reserves are actually in Mexican waters.”

Besonders lustig ist die Behauptung, dass die mexikanische Regierung den Tiefsee-Reichtum für Krankenhäuser, Schulen und den Ausbau von Straßen verwenden will. Dass einfache Menschen in Mexiko Zweifel daran haben, dass ihre tolle Regierung das nicht trotz gegenteiliger Verlautbarungen gar nicht vorhat, ziehen Michael Castritius und die Tagesschau offenbar gar nicht in Erwägung. Würde die Tagesschau ihren Lesern in dem Artikel wenigstens einige Hintergrundinformationen zur politischen Lage in Mexiko geben, dann läge der Verdacht auf der Hand, dass viele Mexikaner ihrer “Regierung” keinen Millimeter über den Weg trauen.

Ein paar Hintergrundinformationen lieferte zum Beispiel Ralf Streck in der Einführung zum Telepolis-Artikel “Mexiko: Kampf gegen die Privatisierung des Energiesektors” vor gut einem Jahr:

“Doch Gründe gibt es daneben noch viele, um drei Monate nach der Amtseinführung gegen die Politik des umstrittenen Präsidenten Felipe Calderón auf die Straße zu gehen, der die Vorwürfe, nur durch Wahlbetrug die Macht erlangt zu haben, nie ausräumen ließ. Da sind die hohen Preise für Maistortillas oder die Reform der Pensionsgesetzgebung, mit der er sich mit den Bediensteten im Staatsdienst anlegt. Mit seiner geplanten Besteuerung von Medikamenten und Nahrungsmitteln würden vor allem diejenigen am stärksten getroffen, die ohnehin über wenig Einkommen verfügen. Demonstriert wurde auch für die Freiheit der Gefangenen aus der Unruheprovinz Oaxaca, wo die Proteste der Bevölkerung mit massiver Repression unterdrückt werden.”

Schön, dass Tagesschau.de das alles weggelassen hat. Warum soll die Tagesschau Sachverhalte von mehr als nur einer Seite beleuchten? Hintergrundinformationen verwirren ohnehin nur die Leser. Mein Parteibuch lässt es sich jedoch nicht nehmen, der “Generation Doof” zu diesem neuen Erfolg bei der Demontage der deutschen Leitmedien zu gratulieren.

5 Kommentare zum Beitrag “Wenn die Tagesschau von Desinformation berichtet …”

  1. Bär sprach

    Nachdem die Tagesschau auf breiter Linie in ihrer Berichterstattung über Tibet versagt hat, versucht sie es jetzt mit Mexico, nichts Neues, oder?

  2. Bär sprach

    Mein Beitrag war vielleicht zu destruktiv, was ich eigentlich damit meine ist,immer wieder auf die Finger klopfen, vielleicht lernen auch die Journalisten und andere Verantwortlichen bei der Tagesschau dazu und besinnen sich auf ihre öffentlich-rechtliche Aufgabe in ihrer Berichterstattung und wenn es nur um den Erhalt der GEZ- Gebühren geht, ich habe langsam die Nase voll…

  3. Peterle sprach

    Hehe, die Textbausteine “von allen Experten als existenziell angesehene Reform” und “Krankenhäuser, Schulen und den Ausbau von Straßen” sind mir beim Lesen der Screenshot-Grafik, noch bevor ich überhaupt mit der Lektüre dieses Artikels begann, sofort ins Auge gesprungen! :-)

    Hätte der Parteibuch-Betreiber nicht Lust, einen auf User-Generated-Content basierten Propaganda-Übersetzer zu hosten? Ich könnte die benötigten Skripte (am liebsten in PHP) ja mal in Wochenendarbeit zusammencoden…
    Da könnte dann, ähnlich wie bei einem Wiki, der Nutzer definieren, dass mit bestimmten Textbausteinen eigentlich etwas anderes gemeint ist, also z.B. “Krankenhäuser, Schulen” (und ähnliche Ausdrücke/Flektionen) = “das Geld in Sicherheit bringen” etc.

  4. Reinhard sprach

    Der eigntlich entscheidende Punkt im aktuellen “Reform”projekt besteht darin, dass dem mexikanischen Präsidenten direkt die Vollmacht übertragen werden soll, über die Aktivitäten der Staatsfirma Pemex persönlich entscheiden zu können. Das entspricht einer Vorprivatisierung der unzweifelhaft beabsichtigten de facto Privatisierung. Man stelle sich vor, Merkel sollte die alleinige Bestimmungsgewalt über die Bundesbahn übertragen werden.

  5. mein-parteibuch.com » Die Währungsreform bei der Tagesschau sprach

    […] Parteibuch hat sich schon des öfteren über platte Lügen und unglaubliche Desinformation bei tagesschau.de lustig gemacht. Heute hat die Tagesschau als Deutschlands führendes […]

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