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20. April 2008

Müllhalde, wo man sich rauszieht, was man gerade braucht

von @ 19:38. abgelegt unter Deutschland, Medienmanipulation, ARD, Blogosphäre

Durch eine hübsche Aktion im Stile der Yes Men ist gerade aufgeflogen, dass die “flippige” ARD-Fernsehsendung Polylux zur Unterhaltung des Publikums ausgemachten Quatsch verbreitet. Würde polylux nicht so viel Quatsch verbreiten, sondern ernsthaft recherchieren und damit “hochgestellte” Transatlantiker in Bedrängnis bringen, würde die Sendung in einem Saftladen wie der ARD sofort abgesetzt werden.

Tita von Hardenberg, die die journalistisch verkleidete Ulksendung verantwortet, freut sich über die vielen Presseberichte, gibt zu, dass sie von einem falschen O-Ton-Geber reingelegt worden ist und ist sich ansonsten keines Fehverhaltens bewusst. Warum auch? Schließlich machen das ja auch selbst vollseriöse Magazine laufend so, dass sie sich am grünen Tisch irgendwelche ersponnenen Plots ausdenken und dann zum O-Töne fixen losziehen.

Mein Parteibuch hat darüber beispielsweise im Beitrag “Scientology-Connection im ARD-Mittagsmagazin” berichtet und die Forensuche der Redaktionen nach in ihre Plots passenden “Internetopfern” und ähnlichen Leuten auch mit einem Screenshot dokumentiert. Nichts anderes hat polylux auch gemacht, nur dass polylux an jemanden geraten ist, der nachher erklärt hat, dass sein Auftritt in der Sendung Quatsch war.

In der Blogosphäre gibt es angesichts der netten Verulkung nun eine nette Diskussion darüber, ob das eine annehmbare journalistische Leistung ist, die bei polylux dargeboten wird. In der Blogbar wird die Aktion positiv gesehen:

“Der Journalismus muss sich dringend etwas einfallen lassen, um zu trennen zwischen dem Netz als sinnvolle Recherchebasis, und dem Netz als beliebiger Müllhalde, wo man sich rauszieht, was man gerade braucht.”

Alltagskakophonie stellt sich die Frage, warum ausgerechnet dieses doch eher unkonservative Format ins Fadenkreuz von Medienhacker geraten ist. Tja, solche kritischen Berichte wie den zu Andrej Holm vergisst die Presse eben nicht so schnell. Fragt sich bloß, wer da wen reingelegt hat. Nachdem die Presse mit ihrer geheuchelten Empörung die Quoten von Polylux in ungeahnte Höhen getrieben haben dürfte, könnte nun mal wieder ein bisschen fieser, echter Journalismus von Polylux kommen. Vielleicht stellt Polylux demnächst einfach mal ganz spontan die Frage, wer den Luftraum für 9/11 öffnete und welche Konsequenzen dieses Fehlverhalten für ihn hatte. Oder wie wäre es demnächst mal mit einem Bericht zur Tibet-Kampagne der deutschen Medien?

Parteibuch-Leser kennen noch viele andere Themen, mit denen sich beweisen ließe, dass Journalismus in deutschen Medien nicht erwünscht ist. Käme bei polylux nun mal wieder ein hammerharter journalistischer Gruß aus der Realität, dann könnte man die ganze Aktion als geschickt gemachte Werbekampagne dafür sehen.

Konstantin Klein, zwölf Jahre Zulieferer einer Nachrichtenredaktion, schrieb im Beitrag Nochwas, wg. Tita & Tito:

“Jedem Journalisten, wirklich jedem, ist schon mal eine Story untergejubelt worden, die er im Nachhinein anders und, wenn’s geht, besser gemacht hätte. Die meisten der Kollegen hatten nur das Glück, nicht an selbstgerechte Arschlöcher wie das Kommando TvH geraten zu sein, die den Fehltritt dann genüsslich ausbreiten. Der Kern der Sache ist doch ein ganz anderer: Polylux ist nicht Panorama. Polylux ist eine Unterhaltungssendung.”

Auf den fiesen Einwand eines Kommentators, ob Panorama in den letzten Jahren nicht zum Unterhaltungsmagazin mutiert sei, meinte Konstantin, OK, Point Taken, Polylux ist eben nicht die Tagesschau. Ein fieser Katzenfreund hat sich heute auf bluelectric in eine Diskussion mit eingeklinkt:

@Konstantin
Glaubst Du wirklich, die Tagesschau würde das anders machen?

In einigen Gebieten der Welt, nimm Gaza als Beispiel gibt es für solche Kunden, also vollseriöse Nachrichtenredaktionen extra Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, für jede beliebige Geschichte Leute zu organisieren, die passende O-Töne zu den Märchengeschichten der Nachrichtenredaktionen liefern.

Glaubts Du etwa, die würden nicht zuerst den Plot machen und dann sehen, dass sie Bilder und O-Töne passend zu der Geschichte bekommt, die sie vorher am Reißbrett entworfen hat?

Schau Dir mal an, was für Märchen die Tagesschau genau wie der Rest der Medien den ganzen lieben langen Tag aus aller Welt bringt. Im Parteibuch haben wir uns die Mühe gemacht, mal ein paar Beispiele aufzuzeigen:

http://www.mein-parteibuch.com/blog/kapitel/tagesschaude/

Mein Parteibuch ist neugierig, ob sich daraus noch eine spannende Diskussion zur journalistischen Leistung der Tagesschau entwickelt. Wer noch Lust hat, über die Glaubwürdigkeit der Tagesschau zu diskutieren: hier geht es zur Diskussion.

Nachtrag: Der rbb will Polylux “aus Geldmangel” absetzen. So schnell geht das also, wenn Redakteure zwischen viel Quatsch auch mal missliebige Themen anschneiden.

2 Kommentare zum Beitrag “Müllhalde, wo man sich rauszieht, was man gerade braucht”

  1. otti sprach

    Investigativer Journalismus ist in einem neoliberalen Land unerwünscht, denn da kann man alles - und macht es auch. Aber wirklich alles. Jawoll!
    Nur berichten tut man nicht darüber, wenn man zur Gesellschaft gehört.

    Man zerstört doch nicht die Moral der kleinen Leute. Das wäre das Ende der Gesellschaft …

  2. mein-parteibuch.com » Terrorvideo zu Atomanschlag von Al-Qaida schon fertig sprach

    […] September wird Jürgen Elsässer in der ab 23.45 Uhr bei der ARD laufenden Sendung “Polylux” zu Gast […]

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