Manchmal ist es für Schreiberlinge sicher nicht verkehrt, etwas innezuhalten, sich und im Eifer, so er denn vorhanden ist, zu reflektieren. Sprache ist ein Mittel der Kommunikation, das einem Autoren leicht entgleiten kann. Das gilt besonders dann, wenn in der Sprache Worte benutzt werden, unter denen jeder etwas anderes versteht, ohne dass die Worte, so wie sie gemeint sind, gewissenhaft erklärt werden. Wilhelm Rettler gibt im Interview mit Reinhard Jellen bei der Jungen Welt einen Impuls, begriffslose Ausdrücke zu vermeiden und gibt mit den Worten “Linker” und “Sozialist” auch gleich ein paar - für den Kontext der Jungen Welt - provokante Beispiele für begriffslose Ausdrücke.
Zum Wort “Linker” sagt Wilhelm Rettler:
“Bei Lichte besehen, kann man damit überhaupt nichts anfangen. Woher kommt das Wort? Aus der parlamentarischen Sitzordnung! Eine exakte Definition ist mir nicht bekannt. Ich meine, mich daran erinnern zu können, daß ein zwischenzeitlich aus der Partei Die Linke ausgetretenes Bottroper Mitglied erklärt hat, es sei für die soziale Marktwirtschaft. Dann gelten die RAF-Leute als links, weiter die Kommunisten und die Mitglieder der Partei Die Linke, die nicht einmal ein Programm hat. Ich finde, daß Wort Linker hat überhaupt keinen Erkenntniswert und sollte deshalb besser vermieden werden.”
Auf das Wort “Links” als gemeinsame Definition eines politischen Standortes konnte man im Parteibuch vor langer Zeit schon mal die deftige Satire “Die Linkspartei - Partei des Linksverkehrs” lesen. Wäre es nicht besser, anstatt in Begriffen wie “Links” und “Rechts” in komplizierteren aber bestimmteren Begriffen zu denken und zu schreiben? Es sagt doch viel mehr aus, anstelle von “links” friedfertig wie Matin Luther King, unerschrocken wie Sophie Scholl, standhaft wie Otto Wels oder solidarisch wie Felicia Langer zu schreiben.
Zum Wort “Sozialist” erklärt Wilhelm Rettler, warum er das für einen begriffslosen Ausdruck hält, leicht verkürzt wie folgt:
“Um dies zu erläutern, muß ich einen gedanklichen Umweg über den Begriff des Kommunismus machen. Der ist ja klar definiert als klassenlose Gesellschaft, in der der Grundsatz gilt, jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinem Bedürfnissen. … Das ist natürlich eine Definitionsfrage, über die man sich verständigen muß. Der Sozialismus wird gemeinhin als Vorstufe zur kommunistischen Gesellschaft definiert. Eine negative Definition. Negative Definitionen sind immer schlecht. Ich kann natürlich den Begriff Auto so definieren, daß es sich nicht um ein zum Verzehr geeignetes Lebensmittel handelt. Diese Definition ist zwar richtig, aber ohne Erkenntniswert. Der Begriff Sozialismus ist trotzdem unverzichtbar, weil er eine Gesellschaftsformation bezeichnet, die auf dem Wege zum Kommunismus ist. … Man könnte nun vordergründig sagen, daß ein Sozialist einer ist, der die sozialistische Gesellschaftsordnung anstrebt. Was soll man aber von so einem halten, der eine Gesellschaftsordnung anstrebt, die ihrerseits dieselbe gar nicht bleiben will. Das ist so, wie wenn einer einen Zug besteigt, aber nirgendwo hinwill.”
Nun, am Begriff des Kommunismus kann man sicher auch viel kritisieren, wie zum Beispiel, dass es die klassenlose Gesellschaft gar nicht geben kann, weil sich in einer Gesellschaft ständig neue Klassen herausbilden. Ähnliche Kritik passt auch auf andere Utopien. Mahatma Gandhi würde dazu vielleicht sagen: Der Weg ist das Ziel.
Zwar sagt auch das nicht wirklich viel aus. Aber vielleicht gibt dieser seichte Artikel dem einen oder anderen einen Impuls. Schreiberlinge können sich auch dadurch von anderen positiv unterscheiden, dass sie behutsam mit begriffslosen Ausdrücken sind, wie man sie zu Hauf in der Propaganda der Massenmedien findet. Mein Parteibuch findet die Gedanken jedenfalls nützlich und dankt Wilhelm Rettler für den Moment des Innehaltens.
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Par·tei·buch n. Heft mit persönlichen Daten und Mitgliedsnummer zum Beweis der Mitgliedschaft in einer Partei
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[…] das werden schon andere für uns besorgen. Gerade wir sollten nicht die gleichen Propagandaelemente der Massenmedien benutzen. Bookmarken: [Trackback URI] […]