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20. Januar 2008

“Ingo”

von @ 5:28. abgelegt unter Korruption, Kriminalität, Sachsen

Der primitive “Krimi ohne Ende” von Heinz Eggert fand gestern eine Fortsetzung im Spiegel. Der Spiegel berichtete nämlich in einer Vorab-Meldung zum sächsischen Sumpf, dass zwei ehemalige Prostituierte des Leipziger Kinderbordells Jasmin in der Merseburger Straße 115 bei ihrer Vernehmung drei hochrangige Juristen erheblich belastet haben:

Die Prostituierten gaben bei der Staatsanwaltschaft an, dass sie zwei der Männer auf Fotos wiedererkannten und bezeichneten sie als ehemalige Freier.

Besonders brisant sei dabei, dass der Richter am Landgericht Leipzig das Urteil gegen den Betreiber des betroffenen Bordells “Jasmin” gesprochen hatte. Die Anwälte der Zeuginnen bezeichnen die Aussagen dem Spiegel zufolge als glaubwürdig und auch die vernehmenden Staatsanwälte zeigten sich beeindruckt ob der detailreichen Schilderungen.

Ach was, wenn ein als Freier eines Kinderbordells belasteter Richter gegen den Zuhälter eben dieses Kinderbordells ein besonders mildes Urteil ausspricht, dann ist das doch nichts besonderes. Schließlich hat doch der Ministerpräsident von Sachsen, Georg Milbradt, unisono mit einer Reihe von Journalisten und Politikern der CDU erklärt, es gebe gar keine Korruptionsaffäre, sondern lediglich frisierte Dossiers “einer Mitarbeiterin des Verfassungsschutzes, einer früheren DDR-Staatsanwältin, wohl getrieben von blindem Jagdeifer und blühender Phantasie”.

Der sächsische SPD-Abgeordnete Karl Nolle hat im Medienarchiv seiner Webseite übrigens schon eine Kopie des Spiegelartikels von Montag eingestellt. Darin heißt es über einen Mann namens “Ingo”:

Ingo war kein feiner Mann. Ganz sicher keiner, um den sich Frauen gewöhnlich stritten. Er hatte wenig Ähnlichkeit mit Adonis, war nicht sonderlich freundlich und neigte zu Grobheiten. Interessiert war er eigentlich nur an einem: hartem Sex mit blutjungen Frauen. Doch die Mädchen im Leipziger Bordell “Jasmin” rissen sich um Ingo. Denn der Freier, der seine Favoritin häufig telefonisch reservierte und dann im Anzug in der Merseburger Straße 115 erschien, hatte ganz andere Qualitäten. Er zahlte fürstlich. Immer den doppelten Preis.

Ingos kostspielige Ausflüge ins Leipziger Nachtleben sind inzwischen gut 15 Jahre her. Doch sie beschäftigen seit Montag vergangener Woche die Justiz. Und sie bringen erneut Schwung in jene sächsische Korruptionsaffäre mit ihren vermuteten Verbindungen von Justiz, Polizei und Politik in die Halbwelt, die doch schon weitgehend abmoderiert schien.

Denn Ingo soll nach Aussagen zweier ehemaliger Prostituierter ausgerechnet ein späterer ranghoher Richter des Landgerichts Leipzig gewesen sein - jener Jurist, der in einem Verfahren gegen den Betreiber des Bordells das Urteil sprach.

Der Jurist dementiert dem Spiegel zufolge, jemals im Jasmin gewesen zu sein. Der Spiegel schreibt nicht, welcher ranghohe Richter als “Ingo” wiedererkannt worden sein soll. Das überraschend milde Urteil gegen den Betreiber des Kinderbordells Jasmin, Michael Wüst, das nach dessen Angaben nur zustande gekommen sein soll, weil er die Freier zwar als Lebensversicherung gefilmt, aber im Prozess nicht genannt habe. Das Urteil sprach nach Informationen des Tagesspiegels übrigens der auch wegen der seltsamen Vorgänge um die Riemannstraße 52 bekannte Jurist Jürgen Niemeyer. Da ist völlig klar, dass hier ein typischer Fall von “blühender Phantasie” vorliegt, denn dieser werte Richter würde sowas ganz bestimmt nie tun.

Auch die Namen der anderen beiden “erheblich belasteten” Juristen, die alles bestreiten, nennt der Spiegel nicht. Das ist dumm, denn da könnten Leser nun auf die Idee kommen, sich ihre eigenen Gedanken zu machen wer das wohl sein könnte. Ganz dumm ist das sicherlich für einige Freunde wie den Chemnitzer Amtsgerichtspräsidenten Norbert Röger oder den Vorsitzenden Richter am Oberlandesgericht Dresden, Günther Schnaars, wenn Leser sich nun fragen, ob sie das wohl sein könnten. Aber das sollten sie nicht tun, denn hier liegt natürlich ein typischer Fall von “blindem Jagdeifer” vor. Und außerdem, was soll man sich auch unter einem “Geschäftsfreund” eines Zuhälters vorstellen?

Aber letztlich ist das ja gar nicht so wichtig, denn es gibt ja gar keine Korruptionsaffäre und mögliche Fälle von Kindesmissbrauch im Jasmin sind ohnehin schon verjährt.

4 Kommentare zum Beitrag ““Ingo””

  1. Ulrich Brosa sprach

    Zur Ehrenrettung von “Ingo” muss geschrieben werden, dass er immerhin gezahlt hat. Mit dem Vorsitzenden Richter des Oberlandesgerichts war das offenbar anders. Der Spiegel schreibt:

    Der dritte Belastete ist ein Vorsitzender Richter am Dresdner Oberlandesgericht. Er wird von den Zeuginnen als “Geschäftsfreund” des Zuhälters bezeichnet.

    Mit anderen Worten: Die Nummern des OLG-Richters gingen auf Kosten des Hauses. Pflege von Geschäftsbeziehungen.

  2. otti sprach

    Ob Sachsen-Sumpf, ob Schwaben-Sumpf, das wird ausgesessen. Und wenn’s noch so stinkt, dann bekommen wir halt mal eine neue Luftreinhalte-Verodnung, das muss genügen.

  3. Momo Roeth sprach

    Die Welt Online bringt hier auch einen Artikel dazu.

  4. Erstaunliche Unterschiede im Umgang mit Kinderpornografie und Kinderprostitution » mein-parteibuch.com sprach

    […] Den CDU-nahen Juristen, die als Freier im Kinderbordell geoutet wurden geschah gar nichts. Ihr Zuhälter Michael Wüst, der die Mädchen mit Schlägen und Erpressungen sexuell gefügig gemacht haben soll, erhielt eine erstaunlich geringe Strafe. Das lag der angeklagten Aussage zufolge daran, dass der Richter, der ihn verurteilte, zu seinem Freundeskreis gehörte und ein Freier der Mädchen war: “Ingo“. […]

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