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19. Januar 2008

Nokia

von @ 14:22. abgelegt unter Deutschland, Wirtschaft, Medienmanipulation

Im Zeitalter der Subventionswirtschaft suchen Betreiber von Produktionsstätten für technische Geräte jeweils den Standort, der ihnen die besten Bedinungen bietet. Dabei gibt es einige wenige direkt kalkulierbare monetäre Faktoren wie Lohnniveau, Arbeitsbedingungen, Steuerlast und Subventionen sowie viele nur schwer kalkulierbare Faktoren wie die Verfügbarkeit von Produktionsfaktoren oder die für oder gegen den Betreiber arbeitende Korruption in Politik und Justiz. Entscheindungsträger beim Telefonhersteller Nokia sind nun offenbar zu dem Ergebnis gekommen, dass es für sie von Vorteil sein wird, eine Produktionsstätte in Rumänien aufzumachen und den mehr als 2000 Mitarbeiter starken Standort Bochum runterzufahren.

Mal angenommen, die Entscheidungsträger von Nokia haben sich dabei überlegt, dass sie in Bochum noch ein paar Hundert Mitarbeiter brauchen können und auch nicht alle Arbeitsplätze nach Rumänien verlagern müssen, um da Subventionen abzugreifen. Die interne Kommunikation ist simpel, da reicht es zur Vorbereitung den bisherigen Standort im internen Rechnungswesen durch das gezielte Ausnutzen von Buchhaltungs- und Bilanzierungsspielräumen unrentabel aussehen zu lassen. Aber wie würden die Entscheidungsträger dann wohl die Entscheidung zur Arbeitsplatzverlagerung der Öffentlichkeit verkaufen? Propaganda-Spezialist Ulf-Hendrik Schrader hat da eine Idee:

“Indem nun zunächst die komplette Schließung angekündigt wird, kann Nokia sich dann nach der ersten Aufregung als einsichtig und kompromissbereit präsentieren und alle stehen gut da:
Nicht nur Nokia, sondern auch die Gewerkschaften und die Politik, die heilfroh über “ihr” Ergebnis sind und es aus Eigeninteresse als bestmöglichen Erfolg kommunizieren werden. Vielleicht kann man es dann sogar noch so hindrehen, dass Nokia trotz ungünstiger Bedingungen aus Verantwortungsgefühl am Standort festhält. Das wäre klasse: Stellen abbauen und Dankbarkeit ernten. Tolle Krisen-PR.”

Natürlich muss das nicht so sein, dass Nokia von vornherein geplant hat, ein paar Arbeitsplätze in Bochum zu belassen. Aber das könnte schon passen, denn auch wenn die Telefone von Nokia ziemlicher Mist sind, haben sie trotzdem bei einigen Jugendlichen so etwas wie Kultstatus und das deutet darauf hin, dass die Bude sich mit Öffentlichkeitsarbeit gut auskennt. Wenn das wirklich so sein sollte, dann wird das PR-Spiel gerade genau so gespielt, wie es von Nokia geplant war. Die Jusos Ostwestfalen-Lippe können sich genauso wie Arbeiterführer Jürgen Rüttgers selbst auf die Schulter klopfen und es als Erfolg ihres Protestes verkaufen, wenn ein paar Arbeitsplätze bei Nokia “gerettet” werden. Auch zahlreiche mehr oder minder protestierende Blogger wären damit, ohne es auch nur zu ahnen, Teil einer Phase 1 einer PR-Kampagne von Nokia. Die deutsche Bevölkerung darf nun gespannt auf Phase 2 der Schmierenkomödie warten.

Mittel, um Nokia dazu zu zwingen, weiterhin in Deutschland zu produzieren, gibt es keine. Die an Arbeitsplätze geknüpften Bedingungen für die Vergabe von Subventionen sind ausgelaufen. Ein Boykott kann Nokia sicherlich weh, wird aber kaum die längst getroffene Entscheidung zur Arbeitsplatzverlagerung noch maßgeblich beeinflussen können. Und der Produktionsstandort Deutschland wird dadurch für zukünftige Investititonsentscheidungen sicherlich auch nicht attraktiver. Dabei wäre genau das wichtig, wenn man Produktion in Deutschland möchte.

Die Senkung von Löhnen und die Einführung von Hartz-IV war dabei offenbar nicht in der Lage, den Standort Deutschland für Nokia nachhaltig attraktiv zu machen. Andere Ideen müssen her.

Wie wäre es denn damit: Man könnte doch Subventionen zukünftig an die Bedingung knüpfen, dass das geistige Eigentum dauerhaft am Standort nutzbar bleiben muss. Das würde bedeuten, dass Subventionen nicht mehr unter der Bedingung der Schaffung von Arbeitsplätzen verschenkt werden, sondern für die Subventionensgelder ein Mitbenutzungsrecht von Produktionsmitteln in Form von geistigem Eigentum gekauft wird. Genauso könnte das Recht auf den Bezug von für die Produktion notwendigen Vorprodukten in einem Vertrag zur Vergabe von Subventionen verankert sein. Wenn eine Firma wie Nokia dann an einen anderen Standort wechselt, weil sich Deutschland nicht rechnet, so könnte die Belegschaft des Betriebes dann, wenn der Standort konkurrenzfähig sein sollte, unter anderem Namen weiterproduzieren.

Ein Unternehmen würde es sich dreimal überlegen, einen gesunden Standort plattzumachen, um irgendwo anders Subventionen abgreifen zu können, wenn befürchtet werde muss, Konkurrenz durch den bisherigen gut funktionierenden Betrieb zu erhalten. Andererseits wäre kein Unternehmen daran gehindert, einen Produktionsstandort aufzugeben und weiterzuziehen, wenn der bisherige Standort nicht tragfähig und damit als mögliche Konkurrenz nicht in Frage käme.

8 Kommentare zum Beitrag “Nokia”

  1. Rolf Schälike sprach

    Offenlegung aller Bilanzen und Buchungen wäre ebenfalls ein netter Druck. Runterschrauben des Datenschutzes bei solchen durch Investitionen getragenenn Unternehmen wäre ebenfalls angesagt.

    Voraussetzung ist wie immer
    - Öffentlichkeit,
    - keine Zensur
    und
    - die Bereitschaft der Kritiker, hart zu arbeiten, und nicht einfach zu versuchen, vom Kuchen der Korruktion und des Betrugs bzw. Mißbrauchs und der Lückenhascherei möglicht viel abzubekommen.

  2. Peterle sprach

    “Und der Produktionsstandort Deutschland wird dadurch für zukünftige Investititonsentscheidungen sicherlich auch nicht attraktiver. Dabei wäre genau das wichtig, wenn man Produktion in Deutschland möchte.” Warum? Leerstehende Produktionshallen, lauter hochmotivierte Arbeitslose ehemalige Nokia Arbeiter, ein schon mit der Gießkanne bereitstehender Herr Rüttgers, das sind doch optimale Bedingungen um sich da kurzerhand anzusiedeln. Wenn trotzdem keiner kommt, wird es da schon irgendwelche anderen “Hemmnisse” geben… ;)
    Zu der Geistige-Schutzrechte-lokal-an-den-Standort-binden-Idee: Man kann auch versuchen den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben! Die Gestaltung geistiger Schutzrechte ist ausserdem fest in der Hand der IP Mafia, Sie können Ihre Idee da ja mal vorstellen! :))
    Ich bin immer noch davon überzeugt, dass Lock-Subventionen allgemein totaler Mist sind, Unternehmen, die es ernst meinen, würden sich stattdessen auch mit Krediten ködern lassen, wenn man schon unbedingt meint, den Standort durch Geschenke auf Kosten des Standorts irgendwie fördern zu müssen…

  3. Bernd sprach

    “Mittel, um Nokia dazu zu zwingen, weiterhin in Deutschland zu produzieren, gibt es keine.” -> die Ulf-Hendrik Schrader- Geschichte hört sich ja nett an, mehr als eine These ist es nicht. Thesen kann man glauben oder auch nicht.

    Was aber mit Sicherheit Tatsache ist, ist, dass die Aktionäre irrwitzige Kapitalrenditen verlangen, man schraubt sich international immer höher; was gestern die Ackermann’schen 30% waren, regt heute niemanden auf! Aus dem Grunde ist das eine nette Schrader- Geschichte.

    “dass das geistige Eigentum dauerhaft am Standort nutzbar bleiben muss.” -> zum Totlachen, wenn die Industrie Gewinne nur riecht, verkauft sie auch ihre Großmutter. Wie ist das denn mit China und dem Transrapid oder Airbus???? In Ostchina hielt plötzlich in einem Dorf ein Auto neben mir; heraus kamen 3 Männer und fragten mich höflich, ob ich ihnen helfen könne. Sie zückten eine technische Zeichnung eines Achsträgers und fragten, ob ich Ihnen die deutschen Begriffe erklären könne: es war eine original AUDI- Zeichnung.

    “Genauso könnte das Recht auf den Bezug von für die Produktion notwendigen Vorprodukten” -> auch hier sollte man Produktkalkulationen kennen: in Deutschland wird doch kaum an der hier erzeugten Wertschöpfung verdient. Ich hatte unlängst einen Dialog mit dem Statistischen Bundesamt, die mir eine Statistik haben zukommen lassen, aus der hervor geht, dass ca. 40% der Güter impotierte Vorprodukte sind. Genau so habe ich auch mal eine Fabrik geplant, nur Endmontage hier, das war unter allen Varianten die marktbeste Lösung.
    Wer aber glaubt, dass die EU Regeln der Freizügigkeit sich ändern könnten, hat nicht mit den tausenden Brüsseler Wirtschaftslobbyisten gerechnet!

    “Offenlegung aller Bilanzen und Buchungen wäre ebenfalls ein netter Druck.” rechtlich nicht haltbar. Wir nun die Datenoffenheit mit zweierlei Maß gemessen? Ist die nächste Forderung, in den RW- Bereichen der Konzerne einen Trojaner einzuschleusen?

    “Ich bin immer noch davon überzeugt, dass Lock-Subventionen allgemein totaler Mist sind” -> ich habe mal an einem systematischen Verfahren zur Standortfestlegung mitgearbeitet. In manchen Konzernen ist das ein add-on, mehr nicht; es ist “untersagt”, davon Standortentscheidungen abhängig zu machen.

  4. Rolf Schälike sprach

    Bernd 3#: “Offenlegung aller Bilanzen und Buchungen wäre ebenfalls ein netter Druck.” rechtlich nicht haltbar. Wir nun die Datenoffenheit mit zweierlei Maß gemessen? Ist die nächste Forderung, in den RW- Bereichen der Konzerne einen Trojaner einzuschleusen?

    Offenlegung heißt öffentlich. Trojaner heißt geheim.
    Geheim und Geheimhaltung ist ein Übel, hat sehr wenig mit dem Persönlichkeitsrecht und der Intimsphäre zu tun. Der Datenschutz wird missbraucht und nützt mehr den Ganoven als den redlichen Bürgern.

    Die Jahresabschlüsse von AG und GmbH’s sind jetzt schon öffentlich einsehbar. Nicht jede Firma hält sich daran mit der Abgabe der Jahrsabschlüsse, und der Staat verhält sich recht locker gegenüber dieser Pflicht der Firmen zur Abgabe der Jahresabschlüsse.

    Das etwas gesetzlich nicht möglich ist, ist kein überzeugendes Argument. Gesetz können geändert oder uminterprettiert werden.

    Detaillierte Offenlegung, wohin die Millionen an Subventionen gingen mit der Möglichkeit der Nachprüfung nicht nur für die Staatsanwaltschaft, ist nicht absurd.

    Die Attraktivität des Standorts Deutschland, die Schaffung und der Erhalt von Arbeitsplätzen funktionieren gegenwärtig nicht ohne kriminellen Machenschaften, Betrug, Korruption, Bestechung, Erpressung und Krieg.

    Da nutzt auch wenig das bleibende Recht auf geistiges Eigentum vor Ort und die Offenlegung der Bilanzen. Das wären lediglich Mosaiksteinchen im Gros der Notwendigkeiten an Veränderungen.

  5. Aki Arik sprach

    Die Reaktionen und Antworten der Politik auf derartige Fälle folgen einem seit Jahren eingeübten Ritual. Ungeachtet dessen wandert eine Hochtechnologiebranche nach der anderen aus Deutschland ab - und mit ihr die Arbeitsplätze. Das jetzt wieder zu hörende Erstaunen aus der Politik, wieso es mit Subventionen überraschender Weise doch nicht dauerhaft gelingt, einen global agierenden Konzern zur Immobilität zu bewegen, ist lächerlich. Ich halte es jedoch für eine Illusion zu glauben, man könnte um Deutschland einen Schutzschild gegen die Globalisierung errichten. Was in Deutschland stattdessen fehlt ist eine offene und tabulose Debatte über die tatsächlichen Möglichkeiten der Gesellschaft und des Einzelnen, sich auf die Welt, so wie sie momentan ist, einzustellen. Was ist z.B. mit einer verpflichtenden Vorschrift für die Betriebe zur Weiterbildung ihrer Mitarbeiter? - Um deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt bei einer Kündigung zu erhöhen - Was mit einer viel weiter gefassten Abschreibung bzw. Berücksichtigung der Kosten von privat initiierter Weiterbildung bei der Steuer und der Arbeitslosenversicherung? Was mit einer aktiven Industriepolitik - jenseits der einfallslosen Subventionitis - die, ähnlich wie in anderen, erfolgreicheren, Ländern, Ziele und Chancenfelder erarbeitet?

  6. Nokia, eine Nation im Aufstand? sprach

    […] Parteibuch […]

  7. otti sprach

    Der Raubtier-Kapitalismus wird sích letztlich, gemäß seiner eigenen innewohnenden Logik, selbst auffressen - und das ist auch gut so. Mit der heutigen Börsenpanik ist der Anfang vom Ende eines perversen Wirtschaftssystems eingeleitet.

  8. Glück auf, Bochum sprach

    […] vor Ort zu belassen, was später als nobles „Einlenken“ verkauft werden sollte. „Auch zahlreiche mehr oder minder protestierende Blogger wären damit, ohne es auch nur zu ahnen,…Die deutsche Bevölkerung darf nun gespannt auf Phase 2 der Schmierenkomödie […]

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