Auf einer Webseite der Milliardäre Stefan von Holtzbrinck und seiner Halbschwester Monika Schoeller durfte vorgestern ein “Zukunftsforscher” mit Namen Bernd Flessner dem Journalisten Kai Biermann ein Interview zum Thema Datenschutz geben. Der Publizist Bernd Flessner, der unter anderem im Holtzbrinck-Verlag Rowolt publiziert, vertrat dort die Ansicht, dass die Sammlung und Kontrolle unserer Daten eine unvermeidliche Folge der technologischen Evolution sei, erklärte, man müsse mit der Observosphäre leben und warf denjenigen, die eine solche Observosphäre schaffen, vor, am Untergang der Demokratie mitzuarbeiten. Guter Witz.
Bernd Flessner hat also erkannt, dass die technologische Entwicklung in den Bereichen Informationsspeicherung und Informationsübertragung Veränderungen mit sich bringt. Man kann das den Beginn des Informationszeitalters nennen oder eben Observosphäre, so wie Bernd Flessner das macht.
Mein Parteibuch bevorzugt den Begriff Informationszeitalter. Das rührt aus der Überzeugung, dass die Lebensbedingungen der Menschen innerhalb technologischer Rahmenbedingungen politisch gestaltet werden können. Genau wie die Nutzung der Technologie des Industriezeitalters nach einiger Zeit so gestaltet wurde, dass sie nicht nur den Eigentümern diente, sondern auch den Menschen, die die Maschinen bedienen, ein halbwegs annehmbares Leben ermöglicht, so lässt sich auch die Nutzung der Technologie des Informationszeitalters gestalten. Eine Schlüssel dazu ist, genau wie im Industriezeitalter, die Frage der Verteilungsgerechtigkeit. Während es im Industriezeitalter vor allem um die Frage der gerechten Verteilung von Industrieprodukten ging, geht es im Informationszeitalter um eine gerechte Verteilung der Güter Information und Aufmerksamkeit.
Bernd Flessner benutzt lieber den Begriff “Observosphäre” und betrachtet die Entwicklung in bester Tradition eines schwarz-weißen Weltbildes als “negativ”, weil damit “ein großer Teil der Bürgerrechte verloren geht”, die “Freiheit der Privatheit und Anonymität verschwindet” und das Informationszeitalter damit eine Gefahr für die Demokratie sei.
Diese Argumentation bricht völlig in sich zusammen, wenn man weiß, dass die real existierende Demokratie des Industriezeitalters aufgrund der ungleichen Verteilung der Güter Information und Aufmerksamkeit eine Farce ist. Edward L. Bernays, dessen Werke Bernd Flessner als Medienwissenschaftler sicher gut kennt, formulierte das Prinzip Demokratie 1928 so:
“Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist.”
Eine gutes Dutzend von Medienmilliardären, Geheimdienstlern und Politpaten des Rundfunks entscheidet in der Mediokratie des Industriezeitalters darüber, welche Kandidaten wieviel Aufmerksamkeit bekommen, welche Informationen zu diesen Kandidaten veröffentlicht werden und können so demokratische Entscheidungen nach Belieben lenken. Bürgerrechte wie Privatheit und Anonymität waren im Industriezeitalter ein Herrschaftsrecht einer handvoll von Mediokraten, dessen Bruch sie zur Machtausübung im Informationskrieg nach Belieben einsetzen konnten.
Die Mediokratie könnte durch eine gerechte Verteilung der Güter Information und Aufmerksamkeit im Informationszeitalter demokratisiert werden. Da ist es kein Wunder, dass die Verlagsgruppe von Holtzbrick ihre Leser mit dem irreführenden Propaganda-Begriff “Observosphäre”, dessen Ähnlichkeit zum Begriff Blogosphäre sicher rein zufällig ist, traktiert. (via und)
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Par·tei·buch n. Heft mit persönlichen Daten und Mitgliedsnummer zum Beweis der Mitgliedschaft in einer Partei
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Alles klar aber auch….
Was geht in denen vor, die sowas hier auch noch diskutieren:
„ZEIT online: Herr Flessner, nach Ihrer Meinung ist die Sammlung und Kontrolle unserer Daten eine unvermeidliche Folge der technologischen Evolution. Demnach wären die Beschwerden beim Bu…
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