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29. Oktober 2007

Eins zu eineinhalb ist Null - Wie Journalismus zur PR verkommt

von @ 13:01. abgelegt unter Deutschland, Medienmanipulation

Als “Linksruck” charakterisieren zahlreiche Kommentatoren jetzt die Ergebnisse des SPD-Parteitags in Hamburg. Wenn aber eine Veräußerung von Bahn-Aktien an ihre bisherigen Eigentümer schon als “links” eingeschätzt wird, dann muss man ernsthaft die Frage stellen, wo die Urheber derartiger Einschätzungen politisch stehen. Leider sind solche Bewertungen in den Mainstream-Medien auch keine Seltenheit.

Eine mögliche Begründung für die einseitige politische Ausrichtung von Radio und Fernsehen hat PD Dr. Gerd Hallenberger mit seinem Vortrag beim Medienforum am Freitag (26. Oktober) in der Volkshochschule Marburg geliefert: Der Medienwissenschaftler bedauerte den überbordenden Einfluss der PR und insbesondere von Organisationen wie der neoliberalen “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” (INSM) auf die Berichterstattung. Häufig schiebe die INSM den Medien Wissenschaftler aus ihren entsprechenden Berater-Gremien unter, die dann als “unabhängige Experten” aufträten.

Gegründet worden sei die INSM 1998, nachdem 45 Prozent der Bundesbürger bei einer Umfrage einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus befürwortet hatten. Das habe beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall die Alarmglocken klingeln lassen. Mit einem Etat von 100 Millionen Euro habe er die propagandistische PR-Arbeit der INSM für seine neoliberalen Ziele ausgestattet.

Derartigen Summen bei den etablierten Lobbyisten stehen auf Seiten der bürgerschaftlichen Bewegung nur minimale Beträge für ihre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gegenüber. Rein finanziell kämpfen die Basis-Gruppen also mit leeren Händen gegen Windmühlenflügel.

Erschreckend war auch ein Zahlen-Vergleich, mit dem Hallenberger das Verhältnis der Journalistinnen und Journalisten zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Firmen, Verbänden und Institutionen ins Verhältnis setzte: Den gut 30.000 Journalistinnen und Journalisten stehen in Deutschland inzwischen schon knapp 50.000 PR-Leute gegenüber. Hallenbergers Kennzeichnung der journalistischen Arbeit in der Bundeshauptstadt mit dem Slogan “Embadded in Berlin” dürfte für die übrige Republik vermutlich dann auch ähnlich gelten.

Nach alledem ist es kein Wunder, dass sich nicht nur die sogenannten “Leitmedien” eher durch “Ausgelogenheit” als durch Ausgewogenheit hervortun. Investigative kritische Berichterstattung verkümmert mehr und mehr auch dank des steigenden Arbeitsdrucks in den Redaktionen zu einer selten gepflegten Orchidee. Schließlich können die Redakteure ja beliebig auf Agenturmeldungen zurückgreifen.

Wie man auch solche Nachrichten manipulieren kann, dafür hat nun eine Behörde in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) ein bemerkenswertes Beispiel geliefert. Ihr Katastrophen-Management bei den Großbränden in Californien wollte die Federal Emergency Management Agency (FEMA) in möglichst positivem Licht darstellen. Also setzte sie am Dienstag (23. Oktober) einige ihrer Mitarbeiter in einen Raum in Washington und ließ sie ihrem stellvertretenden Direktor Harvey Johnson harmlose Fragen stellen. Das Ganze wurde von Fernsehkameras aufgezeichnet und in mehreren TV-Kanälen ausgestrahlt.

Bezeichnet wurde diese selbst inszenierte Lobhudelei als “Pressekonferenz”. Nicht freiwillig preisgegeben hingegen hat die FEMA die Tatsache, dass es sich bei den Fragestellern im Saal ausschließlich um eigene Mitarbeiter gehandelt hat.

Alle interessierten Journalistinnen und Journalisten waren natürlich auch zu dieser “Pressekonferenz” eingeladen. Allerdings erging die Einladung erst 15 Minuten vor Beginn der Show.

Ans Tageslicht kam diese Masche erst durch Recherchen der “Washington Post”. Selbstverständlich äußerten das Weiße Haus und das US-Heimatschutz-Ministerium als vorgesetzte Behörde der FEMA sofort scharfe Kritik an diesem Vorgehen. Wahrscheinlich verfügen sie über subtilere Methoden der Meinungsmache.

Dass ähnliche Presse-Manipulationen auch in deutschland zunehmen, belegt ein Beispiel aus dem Bundesfamilienministerium. Dessen Ministerin Ursula von der Leyen hatte über eine Werbe-Agentur fertige Radio-Beiträge an Hörfunksender verteilen lassen, worin die Arbeit der CDU-Ministerin im “rechten” Licht dargestellt wurde.

Nach all dem drängt sich der Schluss auf, dass zum Einen der Aufbau alternativer Informationskanäle beispielsweise über Internet-Blogs dringend nötig ist. Und es erscheint wichtig, auch die klassischen Medien immer wieder mit Leserbriefen und Protest-Aktionen an ihre gesellschaftliche Verpflichtung auf das Allgemeinwohl und die Wahrheit zu erinnern.

Ohnehin setzt sich schon jetzt die alte Pazifisten-Parole in neuer Form immer mehr durch: Stell Dir vor, es gibt Fernsehprogramme, und keiner schaltet ein!”

(Quelle: HU-Marburg)

5 Kommentare zum Beitrag “Eins zu eineinhalb ist Null - Wie Journalismus zur PR verkommt”

  1. bitter_twisted sprach

    Mehr Steuern = Mehr Staatseingriffe in der Wirtschaft = Sozialismus = Links
    Weniger Steuern = Weniger Staatliche Wirtschaft = Kapitalismus = Neolibealismus

    Seitdem ich 1999 nach Deutschland gekommen bin, habe ich erlebt wie man Steuern anders verteilt, aber nie das sie reduziert wurden. Die Proportion der Wirtschaft´die der Staat kontroliert ist jährlich gewachsen. Ich wüßte zu gern wo all dieser Neoliberalisus statt findet über den alle reden.

  2. Daniel K. sprach

    Großartig mit wieviel Fachkenntnis sich hier ein habilitierter Ethnologe zu Public Relations äußert. Zeigt er doch eindrucksvoll jene Mechanismen auf, die er kritisiert: Zum Zweck der Meinungsmache Tatsachen zurecht biegen und Inhalte nach Belieben und Kommunikationsziel vermengen. Top! Damit könnte er dann glatt doch noch eine volle Stelle ergattern - an der Volkshochschule Marburg, wo er bestens aufgehoben zu sein scheint.

  3. Man of the World sprach

    #1: “Ich wüßte zu gern wo all dieser Neoliberalisus statt findet” - bei den Superreichen. Einfach in Google “Meudalismus” eingeben und nachdenken. Profitieren tun nur ganz wenige, die kaum einer kennt.

  4. bitter_twisted sprach

    @ Lass mich das mal anders formulieren, wo fördert die deutsche Politik den Liberalismus, ob Neo oder irgendein anderen? Reich werden in Deutschland nur Leute mit Beziehungen zur Politik, genau wie in andern sozialistischen Ländern auch.

  5. Klaus D. Ebert sprach

    “es erscheint wichtig, auch die klassischen Medien immer wieder mit Leserbriefen und Protest-Aktionen an ihre gesellschaftliche Verpflichtung auf das Allgemeinwohl und die Wahrheit zu erinnern”

    Nachdem in meinem Fall erkennbar wurde welche Ausmaße der Justizskandal von Baden Württemberg annahm habe ich begonnen die etablierten Medien mit Fakten und Beweisen zu informieren. Resonanz = 0. Sicherlich haben Gatekeeper Faktoren hier eine Rolle gespielt aber es ist auch zu befürchten, dass einige Medien sich manipulieren ließen. Kritischer Journalismus ist in den etablierten Medien unerwünscht da es viel einfacher ist PR Meldungen umzuschreiben um sie als Nachricht zu verkaufen oder Agenturmeldungen zu verwenden als aufwändig zu recherchieren. Die Bezeichnung 4. Gewalt steht den etablierten Medien nicht mehr zu, denn sie werden der daraus resultieren Informations- und Wahrheitspflicht in keinster Weise mehr gerecht.

    Der weitere Auf- und Ausbau alternativer Informationsmöglichkeiten scheint bei der momentanen Medienlandschaft die einzige Möglichkeit zu sein über Missstände zu informieren

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