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19. Oktober 2007

Wie die Tagesschau die Geschichte der RAF verdreht

von @ 9:04. abgelegt unter Terrorismus, Tagesschau.de, Medienmanipulation
El Masri
Tagesschau.de am 18.10.2007
Quelle: Tagesschau.de

Wie es um den Zustand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschlands bestellt ist, verdeutlichte Tagesschau.de gestern mal wieder. Unter dem Titel “Tagesschau vor 30 Jahren - RAF-Selbstmorde nach der “Landshut”-Befreiung” wird dort die Geschichte der Todesnacht von Stammheim so dargeboten, wie sie dem deutschen Volk vor 30 Jahren von der Tagesschau erzählt wurde. Das ist an sich ja auch nichts schlechtes, offenbart es doch dem kundigen Zuschauer, wie die Propaganda der deutschen Regierung 1977 funktioniert hat.

Unterstellt man der Tagesschau lautere Absichten, dann ist es allerdings sehr mekrwürdig, dass die Tagesschau ihrer 30 Jahre alten Propaganda keinen Kommentar hinzugefügt hat, dass die damals verbreitete Version eines kollektiven Selbstmordes alles andere als unbestritten ist und die Todesnacht von Stammheim auch, wie die Überlebende Irmgard Möller 1997 in einem ausführlichen Interview erklärt, ein Fall von staatlich organisiertem Mord gewesen sein könnte.

Auch wird mit keinem Wort darauf eingegangen, dass die RAF-Geschichte, so wie sie der heutige Spiegel-Chef Stefan Aust später in seinem Standardwerk zur RAF erzählt hat, alles andere als schlüssig ist. Wenn man wie Stefan Aust davon ausgeht, dass die Inhaftierten sich selbst zum kollektiven Selbstmord für den Fall des Scheiterns der Freipressung verabredet hatten, dann stellt sich die Frage wie sie das getan haben, wo sie doch isoliert voneinander gefangen gehalten wurden und keinerlei Möglichkeit hatten, von der Erstürmung des zum Gefangenenaustausch entführten Flugzeuges gemeinsam Kenntnis zu erlangen. Geht man entgegen der Darstellung von Irmgerd Möller noch wie die herrschende Meinung es derzeit davon aus, dass die Inhaftierten der RAF ein primitives Kommunkationssystem über Stromleitungen hatten, so stelltsich, weil man heute weiß, dass dieses Kommunikatonssystem vom deutschen Geheimdienst abgehört wurde, die Frage, warum der angebliche kollektive Selbstmord nicht -beispielsweise durch Wegnahme der angeblich in den Zellen vorhandenen Schusswaffen - verhindert wurde.

Bemerkenswert ist auch, dass zu den Vorgängen in Stammheim offenbar immer noch Akten gesperrt sind. Im Buch “Anklage unerwünscht” von Jürgen Roth wird kurz angerissen, dass jemand wegen Stammheim praktisch Immunität vor Strafverfolgung durch die Justiz besessen haben soll. Da stellt sich die Frage, wer da was zu verbergen hat. Eine ungeklärte Frage ist beispielsweise, wie viele Agents Provocateurs wie Peter Urbach oder Ulrich Schmücker staatliche Institutionen in der RAF hatte, die im Rahmen der Strategie der Spannung im Auftrag staatlicher Stellen für einen möglichst gewalttätigen deutschen Widerstand gesorgt haben.

Die Beleuchtung der Fakten der Geschichte der RAF von verschiedenen Blickwinkeln aus, ist natürlich von der Tagesschau nicht zu erwarten. Schließlich will die Tagesschau ja nicht ihre eigene Propaganda enttarnen und einen ehemaligen Bundeskanzler womöglich als jemanden, der des Mordes verdächtig ist, dastehen lassen. Da darf sich die Tagesschau aber nicht wundern, wenn Leute auf den Gedanken “Halbe Wahrheit - halbes Geld” kommen.

Nachtrag 21.10.2007: Wie Mein Parteibuch gerade bemerkt hat, gab Buchautor Willi Winkler im Spreeblick am 16.10.2007 ein Interview, wo die Geschichte der RAF etwas differenzierter als bei tagesschau.de dargestellt wird, was immerhin bei Nerdcore, Glück auf! und Blogsprache Beachtung fand, wenn auch der Anlass der Verlinkung eher in zurückgehenden Blogverlinkungen zu suchen sein dürfte. In dem Interview wurden allerdings einige heikle Fragen, zum Beispiel wie, warum und von wem - mal abgesehen von Peter Urbach - die RAF im Rahmen der Strategie der Spannung militarisiert wurde oder warum wichtige Akten über die Todesnacht von Stammheim immer noch unter Verschluss sind, leider weitgehend ausgelassen. Auch wurde auf die Frage, wer warum die Connection zur Ausbildung der RAF in arabischen Terrorcamps gemacht hat, wie sie am Dienstag beim Prozess Said Dudin ./. Jürgen Cain Külbel möglicherweise auf dem Spielplan steht, nur mehr als oberflächlich eingegangen.

4 Kommentare zum Beitrag “Wie die Tagesschau die Geschichte der RAF verdreht”

  1. mein-parteibuch.com » Neue Linke - sponsored by CIA’s Ford Foundation? sprach

    […] sicher schon jetzt gespannt sein, wie glaubwürdig dann zukünftig noch Stefan Aust’s These vom Selbstmord der RAF-Gefangenen in Stammheim sein […]

  2. mein-parteibuch.com » Berichte zur Verhandlung Dudin ./. Külbel sprach

    […] z.B. zur Bedeutung der der CIA nahestehenden Ford Foundation für linke Bewegungen und die Geschichte der RAF bringen wird. Bookmarken: [Trackback URI]    […]

  3. Glasdemokratie » Blog Archive » Tatort des RBB thematisiert Lobbyismus sprach

    […] es die ARD es ja nicht so oft mit kritischer Berichterstattung hat, wundert es uns um so mehr, das die ARD am 09.12.2007 um 20.15 den vom […]

  4. Tatort des RBB thematisiert Lobbyismus « Die Glasdemokratie sprach

    […] Lobbyismus Tags: 1202617, 1800042, 600190 Da es die ARD es ja nicht so oft mit kritischer Berichterstattung hat, wundert es uns um so mehr, das die ARD am 09.12.2007 um 20.15 den vom […]

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