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6. September 2007

Backup verschwundener Webseiten im Tor-Netzwerk

von @ 10:41. abgelegt unter Informationszeitalter, Zensur, Bürgerjournalismus

Fahrenheit 451 ist die Temparatur, bei der Bücher verbrennen. Im Internet scheint die Schwelle, bei der kritische Webseiten verschwinden, noch deutlich niedriger zu liegen. Über die Anonymisierungstechnik Tor gibt es mit den Hidden Services eine technische Lösung, um das Verbrennen von Webseiten zu verhindern.

Mein Parteibuch hat schon des öfteren von deutschsprachigen Webseiten berichtet, die auf Druck der Zensur aus dem Internet verschwunden sind. Von der Zensur betroffen sind schon seit den Zeiten des Index Librorum Prohibitorum auch Informationen darüber, was eigentlich genau zensiert wird. So war es kein Wunder, dass auch das Zensurblog des Initiativkreises Deutsches Zensurmuseum schnell wieder aus dem deutschen Internet verschwunden war, obwohl Informationen darüber, was zensiert wird, an sich nicht rechtswidrig sind. Vom Zensurblog gibt es beim amerikanischen Hoster Blogspot immerhin noch einiges zu lesen, doch Kenner der deutschen Zensur wissen, dass die Zensur bei entsprechendem Druck auf die Hoster auch vor amrikanischen Webseiten nicht halt macht.

Über die Waybackmachine von archive.org gibt es von einigen verschwundenen Seiten wie euro-antimobbing.org, gesellschaftsmuell.com oder dem Justizblog Blaulicht und Graulicht noch einige unvollständige Kopien. Zuletzt hat Mein Parteibuch darüber berichtet, dass die religionskritische Webseite Sekteninfo-Bayern auf Druck der Zensur geschlossen wurde.

Bei der Religionskritik tut sich nun jedoch erstaunliches. Wer die Anonymisierungssoftware Tor installiert hat, findet unter der Adresse http://6mimpa6z7hxs67ww.onion/ einen Hidden Service, auf dem jemand zensierte deutschspachige Webseiten, die der Allgemeinheit als gemeinfreier Content zur Verfügung gestellt wurden, sammelt. Wenn Seiten vom Copyright befreit wurden, kann von den Seiten in dem nicht lokalisierbaren Archiv ein Backup erstellt werden.

Wenn sich diese Idee durchsetzt, wären damit Bibilotheken für eine unabhängige und pluralistische Medienlandschaft geschaffen, wie sie unter Mitmachen im Parteibuch Blog unter der Rolle Bibliothekar beschrieben wurden. Im Tor-Netzwerk könnten auf Hidden Services Backups von vom Copyright befreiten Inhalten vorgehalten werden, aus dem jedermann anonyme Spiegel im frei zugänglichen Internet aufsetzen kann. Damit das reibungslos klappt, sollten kritische Seiten vom Copyright befreit werden und möglichst anonym zugängliche und automatisiert zu bedienende Backup-Schnittstellen haben. Zensoren können sich dann zukünftig an Versuchen abarbeiten, öffentlich zugängliche Spiegel lahmzulegen, dürfen jedoch wissen, dass Zensur kritische Inhalte nicht mehr aus der Welt schaffen kann, weil im Bedarfsfall von jedermann kurzfristig neue öffentlich zugängliche Spiegel aufgesetzt werden können.

Der ehemalige Schwulenzeitungs-Chefredakteur Udo Erlenhardt, der heute als selbsternannter “Pater Don Demidoff” für wenig schmeichelhafte Schlagzeilen mit Kindern in Rumänien sorgt, darf sich beispielsweise zusammen mit seinem tollen Rechtsanwalt Dr. Roland Giebenrath darauf einstellen, dass Informationen über seine Geschichte, seine Neigungen und seine Geheimdienstverbindungen nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind, auch wenn es gelegentlich gelingt, Spiegel wie kirchensumpf.dl.am zeitweilig lahmzulegen.

12 Kommentare zum Beitrag “Backup verschwundener Webseiten im Tor-Netzwerk”

  1. Meudalherr sprach

    Meiner Ansicht nach ist es wichtig, immer eine Fallback-Lösung zu haben.

    Eine kleine Anmerkung zum Parteibuch-Lexikon: Dort kann man im großen Ganzen ganz gut mit Tor editieren. Aber in ganz seltenen Fällen kann es geschehen, dass man, selbst wenn man eingeloggt ist, als Benutzer gesperrt wird. Das liegt vermutlich daran, dass ein ganz bestimmter Tor-Exit-Node bereits zu feindlichen Attacken gegen das Parteibuchlexikon verwendet wurde.

    Also mit Tor kann man arbeiten, wenn man mal vorübergehend gesperrt wird, dann muss man einfach etwa 15 Minuten warten, dann klappt es in der Regel.

    Für mich ist es wichtig, mich so langsam auf die Diktatur vorzubereiten. Deswegen verfolge ich ganz konsequent das Konzept der plausiblen Abstreitbarkeit.

    Sobald der Regimewechsel in Berlin vollzogen ist, werde ich mich dann wieder unter meinem richtigen Namen im Internet äußern können. Zumindest ist das meine Hoffnung.

    Mit den versteckten Diensten von Tor habe ich mich bisher noch nicht auseinander gesetzt. Ich denke, dass das größte Problem hierbei ist die äußerst geringe praktische Reichweite. Ich halte es für vorläufig sinnvoll, einfach nur ganz normal mit Tor im Internet Texte zu veröffentlichen, die dann problemlos von jedermann über das unverschlüsselte HTTP Protokoll abgerufen werden können.

    Im übrigen stelle ich mir die Frage, wann unsere Diktatoren auch noch das Anonymisierungsnetzwerk verbieten/abschalten. Erste Vorbereitungsmaßnahmen gibt es wohl schon, aber noch ist es legal.

  2. Petr sprach

    Den Mächtigen ist es seit Jahrtausenden ein Dorn im Auge, wenn ihr Verhalten zu realistisch beschrieben wird. Netterweise kann heutzutage jedoch jeder mit einfachsten Mitteln mithelfen, dass kritische Texte nie mehr verschwinden.

    Ich habe zum Beispiel einfach den Parteibuch Ticker als Feed im Google Reader abonniert und den Ordner für die Öffentlichkeit freigegeben:

    http://tinyurl.com/2g4a8e

    Sollte nun eines der Blogs vom Parteibuch Ticker mal “zufällig” nicht mehr erreichbar sein, so gibt es in meinem Newsreader auf jeden Fall trotzdem eine Kopie des Feeds.

  3. Anonymous sprach

    @Meudalherr
    Verbieten könnten unsere Herrscher das Anonymisierungsnetzwerk sicherlich, nur abschalten können sie es nicht. Das ist wohl auch der einzige Grund dafür, dass es noch nicht verboten ist.

  4. Meudalherr sprach

    # 3 - Nein, ich glaube, unsere Herrscher wissen einfach noch nicht allzu viel über das Internet. Die kennen sich noch nicht so gut aus und sind möglicherweise noch nicht auf der Höhe der Zeit. Aber so langsam begreifen die, dass das Internet eine Gefahr für die allumfassende Herrschaft der Parteien in Deutschland sein könnte. Oder warum planen die so etwas wie Vorratsdatenspeicherung? Der Bürger muss Angst haben, er muss eingeschüchtert sein, er soll schweigen.

  5. Marthel sprach

    Wir fordern ein Verfallsdatum für das Internet!
    Nachzulesen hier:
    http://www.test...0070906012.aspx

  6. Meudalherr sprach

    # 5, so ein Verfallsdatum für das Internet wäre möglicherweise ganz im Sinne eines Gerichts in Hamburg, das gelegentlich als Dunkelkammer bezeichnet wird, wobei ich mir die Meinung »Dunkelkammer« nicht zu Eigen machen möchte. Denn ein Gericht ist immer ein Ort der Erkenntnis. Aber wollen wir das jetzt nicht im Detail vertiefen.

  7. Redaktion sprach

    @Marthel
    Ganz neu ist die abstruse Idee des US-Medienrechtlers nicht. Beispielsweise wurde schon im Jahr 2004 bei heise online von der Idee eines Verfallsdatums für Informationen berichtet.

    Die Idee ist trotzdem so abstrus, dass es verwunderlich ist, dass die Medien darüber massenhaft berichten. Das klingt fast so, wie wenn Machthaber des Mittelalters fordern würden, bedrucktes Papier müsse sich nach einiger Zeit selbst zerstören, weil die Informationen darauf ansonsten ihre Macht gefährden. Man stelle sich nur mal vor, dass nun alle Bibeln im Internet nach ein paar Jahren aus dem Internet entfernt werden müssen, weil das Verfallsdatum überschritten sei.

    Die Hamburger Dunkelkammer scheint sich die Idee eines Rechtes auf ein Verfalldatum für persönliche Informationen seit einiger Zeit auch zu eigen zu machen. Auch das wird nichts werden - die Zensur wird der Möglichkeit zur Kopie zeitlich immer hinterher hängen. Die Technik wird dazu führen, dass Informationssammlungen im Informationszeitalter allen Menschen und nicht mehr nur den Geheimdiensten zugänglich sein werden.

    Es bleibt die Erkenntnis, dass es die Menschheit lernen müssen wird, damit umzugehen, dass sie demnächst ein digitales Gedächtnis und Zugang zu Informationen haben wird. Dieser Wandel der Epoche könnte weitreichendere Folgen haben als die Erfindung des Buchdrucks. Die Bewohner des Planeten Erde haben nun die Chance, diesen Wandel der Epoche zu gestalten und zu etwas schönem zu machen - aufzuhalten wird der technische Fortschritt jedoch nicht sein.

  8. Ulla sprach

    Habe soeben folgendes Kunstprojekt gefunden welches sich mit Internetzensur beschäftigt.
    http://www.picidae.net/
    Habe es aber noch nicht getestet.

  9. Marthel sprach

    @ Redaktion
    Naja selbst alle Straftat haben eine Verjährungsfrist. Auch das Menschliche Gehirn vergisst sehr schnell.
    Warum sollen zukünftige Generationen möglicherweise benachteiligt werden für Taten die ihre Grossväter getan haben?
    Ich kann es kaum glauben, dass die “Redaktion” erfreut ist, dass deren Enkel überall nachlesen können, das die “Redaktion” Leute beleigigt, denunziert und deren Persönlichkeitsrecht verletzt hat.

    Der Vergleich mit der Bibel hinkt ja wohl gewaltig.

  10. Redaktion sprach

    @Marthel
    Erinnerungen an wichtige Ereignisse verblassen zwar und werden manchmal ins Unterbewusstsein verdrängt, aber wichtige Dinge vergisst das menschliche Gehirn nie.

    Wieso sollten zukünftige Generationen benachteiligt werden, nur weil die Taten und Untaten ihrer Großeltern unvergessen sind? Sollen wir nun alle den Holocaust ganz schnell vergessen? Oder sollten wir uns nicht besser daran erinnern, dass die Nachkommen der Täter von damals keine Schuld für die Taten ihrer Vorfahren tragen?

    Mein Parteibuch steht unter einer freien Lizenz, tu Dir keinen Zwang an, alles, was hier geschrieben steht, in zwanzig oder fünfzig Jahren noch einmal zu veröffentlichen.

    Warum soll der Vergelich mit der Bibel hinken? Nach der Ideologie des Rechtes auf Vergessen hätten die Texte darin schon vor vielen Hundert Jahren gelöscht werden müssen.

    Die Texte der Vergangenheit sind als Kulturgeschichte das kollektive Gedächtnis der Menschheit. Dieses kollektive Gedächtnis der Menschheit funktionierte bisher leider nur schlecht. So konnten sich schreckliche Dinge in der Geschichte der Menschheit wiederholen, ohne das es bemerkt wurde.

    Wenn das kollektive Gedächtnis der Menschheit besser funktioniert, so könnte sich die Menschheit zukünftig beispielsweise an die verlogene Propaganda im Stile von “Deus lo vult” erinnern, mit der Menschen vor mehr als 900 Jahren zu den Kreuzzügen aufgehetzt wurden und würden dann vielleicht zweimal darüber nachdenken, ob sie wieder eine Geschichte von Kindsmord wie die Brutkastenlüge glauben, mit der sie in einen Krieg getrieben werden sollen, bei dem Abertausende von Menschen starben.

    Die Erinnerung an die entlarvten Lügen gefiel den Lügnern von damals genauso wenig wie den Lügnern der Gegenwart. Nichtsdestotrotz gehört die kollektive Erinnerung daran zur wesentlichen Essenz der Kulturgeschichte der Menscheit, die nicht in Vergessenheit geraten darf, wenn die Menscheit kulturell nicht in die Steinzeit zurückfallen will. Die Menschen werden einzeln und kollektiv mit ihren Taten der Vergangenheit leben lernen müssen.

  11. Meudalherr sprach

    # 8 - Natürlich sollten Beleidigungen, Persönlichkeitsrechtsverletzungen usw. aus dem Internet verschwinden. Nur ist das nicht mehr die Angelegenheit der Zensurrechtsprechung in Hamburg, das zu entscheiden, sondern liegt in der Verantwortung hoffentlich verantwortungsvoller Webmaster. Es geht doch nicht darum, dass das Internet ein rechtsfreier Raum sein soll. Ich bin nur gegen Zensur, aber es ist halt auch eine Frage der Macht und der Durchsetzbarkeit. Und in Deutschland hat die Rechtsprechung jetzt so langsam aus meiner persönlichen Perspektive verloren. Mehr und mehr politisch interessierte Leute arbeiten jetzt halt aus dem Schutz der Anonymität heraus. Das sollte aber nicht dazu führen, dass man fremde Rechte verletzt.

    Die Justiz in Deutschland soll es halt unterlassen, die Meinungsfreiheit auszuhebeln. Es werden jetzt halt nun Fakten geschaffen. Der stärkere möge sich durchsetzen. Auf die Ansicht einer Dunkelkammer in Hamburg können wir leider keine Rücksicht mehr nehmen. Ich gehöre jedenfalls zu denjenigen, die auf Stärke setzen und die Ansicht einer Dunkelkammer ab sofort ignorieren. Tut mir leid. Es gibt immer noch höherrangiges Recht - und ich nehme mein Menschenrecht natürlich war. Ich denke, dass wir auch langfristig mit internationalen Menschenrechtsorganisationen zusammenarbeiten müssen, um die Justiz in Deutschland wieder darauf hinzuweisen, sich an Recht und Gesetz zu halten. Wir werden unsere Freiheit verteidigen so gut wir können. Und glücklicherweise haben wir dazu die tatsächliche Möglichkeit, denn noch haben wir hier in Deutschland keine chinesischen Verhältnisse. Aber ich traue den Unterdrückern Berlin schon zu, dass sie hier noch ganz schön massiven Zensurmaßnahmen einführen in Deutschland, momentan ist es ja noch relativ harmlos (gemessen an Maßstäben wie China, Iran, Saudi-Arabien).

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