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2. August 2007

Endlich Gegenwind für Scientology in Berlin

von @ 1:44. abgelegt unter Berlin, Gedankenkontrolle, Scientology

Mein Parteibuch hat am 14. Januar den Berliner Innensenator Ehrhart Körting anlässlich der Eröffnung der neuen Scientology-Zentrale für seine demonstrative Untätigkeit im Kampf gegen Scientology scharf kritisiert und deshalb sogar den Rücktritt von Innensenator Ehrhart Körting gefordert. Ehrhart Körting lehnte es im Januar ab, Scientology mit dem Verfassungsschutz beobachten zu lassen und ließ sich von Tagesschau.de sarkastisch mit den Worten zitieren:

Wenn alle davon reden, wie gefährlich Scientology ist, dann frage ich mich, warum niemand die Konsequenzen zieht und ein Verbotsverfahren auf Bundesebene anregt.

Mit dem Sektenbeauftragten der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Thomas Gandow, der Mein Parteibuch bereits vor gut eineinhalb Jahren als ein Leuchtturm in den psychischen Irrgärten Deutschlands aufgefallen ist, und der Scientology-Beauftragten des Hamburger Senats, Ursula Caberta, hat nun endlich jemand den Vorschlag aufgegriffen, Scientology in Deutschland als verfassungsfeindliche Organisation schlicht verbieten zu lassen. Richtig so.

Mein Parteibuch sieht Scientology Organisation nicht als Glaubensgemeinschaft, sondern eher als einen privatwirtschaftlichen totalitär organisierten Geheimdienst, der mit systematischen psychischen Entwürdigungen von Menschen und dem sich daraus ergebenden Erpressungspotenzial vermutlich kaum weniger als die Weltherrschaft anstrebt.

Die Frage, wie weit Scientology auf diesem Weg zur Weltherrschaft, so Scientology dieses Ziel - beispielsweise durch eine gezielte Unterwanderung von Politik, Justiz, Verwaltung, Wirtschaftsunternehmen und Erziehungswesen (pdf)- tatsächlich verfolgen sollte, bereits gekommen ist, kann Mein Parteibuch natürlich nicht beantworten. Hingewiesen sei aber darauf, dass Scientology beispielsweise in den USA und nach heftigen Auseinandersetzungen (pdf) auch in Großbritanien bereits als Religionsgemeinschaft anerkannt ist, obwohl man sich auch in diesen Ländern über den Charakter von Scientology und der zugehörigen Protagonisten sicher wenig Illusionen hingibt.

Angesichts der totalitären Ausrichtung von Scientology ist es sicherlich eine Geschmacklosigkeit sondergleichen, wenn nun ausgerechnet der führende Scientology-Protagonist Tom Cruise, bei dessen Hochzeit vor einem Dreivierteljahr sicher nicht ganz zufällig Scientology-Chef David Miscavige Trauzeuge war, nach Deutschland kommt, um in einem High-Budget-Film den deutschen Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu spielen und ihn damit vermutlich für Propaganda für Scientology zu instrumentalisieren versuchen wird.

Mit der Instrumentalisierung von Nazi-Verbrechen für eigene Propaganda wird bei Scientology auch sonst wenig gespart. So findet man im Internet von Scientology-Chef David Miscavige die folgende Aussage, mit der er offenbar das Leipziger Max-Planck-Institut für den Holocaust mitverantwortlich machen will:

I mean, you want to look at the studies that brought about the Holocaust of the Jews, that the Nazis justified killing the Jews, they were done at the Max Planck Institute of Psychiatry in Leipzig, Germany, and that justified the killing of six million people.

Dass das Max-Planck-Institut zur Zeit des Holocaust noch nicht einmal gegründet war, ist David Miscavige dabei anscheinend entgangen, aber wen interessieren bei psychologischer Kriegsführung schon irgendwelche Fakten?

Gerade deshalb gehört dem Pfarrer Thomas Gandow ein Denkmal dafür gesetzt, dass er es durch die Bezeichnung von Tom Cruise als “Goebbels von Scientology” geschafft hat, eine Diskussion über die ungehemmt wachsende Macht von Scientology in Berlin in Gang zu setzen. Angesichts dessen, dass Scientology hemmungslos die Verbrechen des Nationalsozialismus dazu instrumentalisiert, um die eigene totalitäre Ideologie zu stärken, und Tom Cruise als propagandistische Schlüsselfigur von Scientology alles andere als ein Mitläufer ist, verwundert es nicht, dass Thomas Gandow nicht bereit ist, von seinen Worten abzurücken. Wenn nun ausgerechnet die Vorstandssprecherin der “Scientology Kirche” in Deutschland, Sabine Weber, die Amtsenthebung des Sektenbeauftragten Thomas Gandow fordert, dann kann man das sicher auch als ein Kompliment für Thomas Gandow verstehen. Schön, wenn das nun auch tatsächlich politische Konsequenzen haben sollte und in Berlin jetzt zumindest eine interministerielle Arbeitsgruppe zum Thema “Umgang mit Scientology” einberufen werden soll.

Dass ein 14-jähriges Mädchen, die von der Presse als Stieftochter der Berliner Scientology-”Direktorin” Kirsten Austinat bezeichnet wird, zusammen mit ihrem 25-jährigen Stiefbruder vor ein paar Tagen gleich bis nach Hamburg in die Obhut der dortigen Behörden geflüchtet ist, sorgt zusätzlich für Diskussionen über die Hilfsangebote für Opfer von Scientology in Berlin. Dass dabei der Senat in Person von Jugendstaatssekretär Eckart Schlemm Kritik zurückweist und gar auf eine “bewährte Anlaufstelle” hinweist, könnte schon fast komisch wirken, wenn es nicht so traurig wäre.

Pfarrer Thomas Gandow wünscht sich deshalb mehr Hilfsangebote für ausstiegswillige Scientology-Opfer in Berlin. Mein Parteibuch findet diese Forderung absolut richtig, meint aber auch, dass es dann darauf ankommt, dass diese Hilfe jemand organisiert, der so glaubwürdig und kompetent ist wie die Hamburger Scientology-Beauftragte Ursula Caberta oder Pfarrer Thomas Gandow selbst. Was nicht passieren darf, ist, dass der bisher durch die Verharmlosung des Problems Scientology aufgefallene Innensenator Ehrhart Körting oder gar der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, nun einfach irgendjemand hinsetzen, der Scientology-Beratung macht.

Denn, Hand auf’s Herz, mal angenommen Sie wären in den Fängen von Scientology und Sie hätten den Mut gefunden, auszusteigen, würden Sie sich jemand anvertrauen, den ausgerechnet Klaus Wowereit, der hier schon im Jahr 2004 zusammen mit Tom Cruise zu sehen ist, auf seinen Stuhl gesetzt hat? Schaut man sich die Bilder an, braucht man kaum noch den Text dazu zu lesen, wo steht, dass Tom Cruise gesagt haben soll, er habe inzwischen eine «ganz besondere Beziehung» zu Berlin entwickelt und er werde hier immer sehr herzlich empfangen und erhalte jede Unterstützung.

So so, wieviel Einfluß hat Scientology in Berlin eigentlich? Zumindest wohl soviel, dass es höchste Zeit dafür ist, dass Scientology auch in Berlin richtig Gegenwind bekommt.

10 Kommentare zum Beitrag “Endlich Gegenwind für Scientology in Berlin”

  1. ThomWeb sprach

    Ha! Der Erste!
    Ich habe die Berichterstattung über die Sekte des Bösen am Mittwoch verfolgt. Vielleicht war es sogar gut, dass Scientology sich in Berlin niedergelassen hat. Jetzt sind sie nämlich plötzlich in den Medien. Und zwar mit Schlagzeilen, die sie nicht gut finden. Und mit denen sie, siehe Berichterstattung über Random House, mit juristischer Brachialgewalt vorgehen, frei nach L. Ron Hubbard:
    Es ist nicht wichtig, einen Prozess zu gewinnen, sondern ihn zu führen und den Gegner mürbe zu machen.

  2. Rolf Schälike sprach

    Es ist nicht wichtig, einen Prozess zu gewinnen, sondern ihn zu führen und den Gegner mürbe zu machen.

    An diesen Tipp halten sich nicht nur Scietologen, sondern viele Anwalts-Kanzleien. Die Kanzlein Prof. Prinz, und Kanzlei Dr. Schertz klagen ebenfalls bis zu Ende, egal ob siegreich oder nicht für ihre Mandanten.

    Die Scientologen direkt zu bekämpfen ist halbherzig, wenn nicht der psychologische Boden denen entzogen wird.

    Die Ekel erregenden Bilder Klaus Wowereit, mit Tom Cruise erregen bestimmt nicht bei jedem Ekel. Ansonsten würden diese nicht stolz auf der offiziellen berliner Seite gezeigt werden.

    Darüber lohnt es sich nachzudenken.

  3. Schattenkind sprach

    Was habt ihr denn gegen [i]Scientology[/i]? Die tun doch nichts anderes als die christlichen Kirchen - die ja auch als “Sekten” angefangen haben. Bitte ein wenig mehr Konsequenz!

  4. Rudolph Blitzableiter sprach

    Ich verwechsle immer das Willy-Brandt-Haus mit dem Scientology-Hauptquartier, wenns im TV gezeigt wird. ;-)

    Weiß eigentlich jemand, was mit der ganzen Kohle geschieht, die man bei Scientology zahlen muss, damit man “erleuchtet” wird?

  5. A. John sprach

    So so, wieviel Einfluß hat Scientology in Berlin eigentlich?
    Viel interessanter ist, wieviel Einfluss Scientology in den USA hat. Dort ist er enorm und reicht bis in höchste Regierungsstellen.
    Ich finde jetzt auf die Schnelle keine Links, aber es hat bereits verschiedentlich Interventionen auf politischer Ebene in Fällen gegeben, in denen gegen Scientology vorgegangen wurde.
    Auch wenn sich die deutsche Politik verbal von den USA emanzipiert hat, der Preis für die “Befreiung” ist noch lange nicht bezahlt.
    Faktisch fühlen sich die Amis noch immer als Besatzer und genauso verhalten sie sich auch.

  6. Rolf Schälike sprach

    Ich habe seinerzeit ein Urteil des HanaOLG gefunden, in dem Frau Caberta verloren hatte.

    Richter waren damals Frau Dr. Raben, Herr Kleffel und Herr Philippi.

    Frau Dr. Raben ist immer noch Vorsitzende Richterin beim HasnOLG. Die beiden anderen Richter sind inzwischen Rentner.

    Ob Richter Herr Philippi verwandt ist mit Herrn Philippi von der Anmahnkanzlei Prof. Prinz kann ich nicht sagen.

    Aus dem Urteil:

    Da der Beklagte zu 1) für sich in Anspruch nimmt, eine Religionsgemeinschaft zu sein, ist es konsequent, wenn er Maßnahmen, die sich gegen ihn richten, als grundgesetz- und menschenrechtswidrig anprangert und jede gegen ihn gerichtete Äußerung als amtsmißbräuchlich und Verletzung des staatlichen Neutralitätsgebotes bewertet.

    Dasselbe gilt für die Anschuldigung der Verletzung des Datenschutzgesetzes. Unstreitig hat die Arbeitsgruppe, der die Klägerin vorsitzt, eine Datei angelegt, in der Mitglieder oder mutmaßliche Mitglieder des Beklagten zu 1) aufgelistet werden, und aus der auf Anfrage Auskünfte erteilt werden. Auch wenn diese Datei und der Umgang mit ihr dem Datenschutzgesetz entspricht und von dem Hamburgischen Datenschutzbeauftragten gebilligt worden ist, stellt sich die andere rechtliche Bewertung dieser Vorgänge durch die Beklagten im Rahmen der öffentlichen Auseinandersetzung auch in der gewählten drastischen Form als von der Meinungsäußerungsfreiheit gedeckt dar.

  7. rjb sprach

    “Dass das Max-Planck-Institut zur Zeit des Holocaust noch nicht einmal gegründet war,…” Die Vorgängerorganisation der MPG, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, war aber gegründet. Ein Institut für Psychiatrie in Leipzig hat es in der KWG aber offenbar nicht gegeben, weil ein solches in München bestand und noch besteht. Siehe http://www.mpg....00/pri62_00.htm

  8. Schattenkind sprach

    Warum sich mit dem Einfluss der Scientology auf die Politik der USA beschäftigen? Viel interessanter ist es doch zu gucken, wieviel Einfluss die katholische und evangelische Kirche auf die deutsche Politik hat. Scientology ist der reinste Witz dagegen! Jedes Jahr werden hierzulande Milliarden Euro an Steuergeldern den beiden Großkirchen in den A…llerwertesten geschoben. Konfessioneller Religionsunterricht, theologische Lehrstühle an staatlichen Hochschulen, arbeitsrechtliche Sonderprivilegien für kirchliche Einrichtungen, pompöse Papst-Besuche etc. sind Dinge, die von ALLEN Steuerzahlern und nicht nur von Kirchenmitgliedern bezahlt werden. Von solchen Privilegien, von so einem prostitutiven Verhältnis zwischen Staat und Religion kann Scientology doch nur träumen.

  9. Mein Parteibuch sprach

    Der Vergleich von Scientology mit einer Kirche geht fehl. Kirchenmitglieder werden beispielsweise nicht dazu angehalten, Berichte zu schreiben, in denen sie sich gegenseitig anschwärzen. Das riecht eher - ohne dass dabei der gängige Machtmissbrauch der Amtskirchen irgendwie beschönigt werden soll - nach Stasi-Methoden als nach Kirche.

    Passender ist ein Vergleich von Scientology mit einem privaten Geheimdienst. Und siehe da, so macht auch ein Verbotsverfahren Sinn. Ganz zufällig ist die Stasi auch eine verbotene Organisation. Mehr noch, wer für den Geheimdienst einer fremden Macht in Deutschland spioniert, wird mit dem Strafgesetzbuch verfolgt.

    PS: Bemerkenswert ist auch ein taz-Artikel mit Titel “Hysterische Forderung nach Scientology-Verbot” ( http://www.taz.de/index.php?id=start&art=2856&id=kommentar-artikel&cHash=18b7fe4d67 ), mit dem Ralph Bollmann, der als “Leiter des Inland-Ressorts der taz” vorgestellt wird, Scientology beispringt. Lustig, wenn man sich den Artikel mal unter dem Gesichtspunkt durchliest, ob nicht gerade der Artikel von Ralph Bollmann zeigt, wie erfolgreich Scientology in der heimlichen Unterwanderung der Führungspositionen von Politik, Justiz, Wirtschaft und Journalismus ist.

  10. Tilman sprach

    @7: Die (vermeintliche) Vorgängerorganisation ist aber nicht “das Max-Planck-Institut”. Nach der gleichen Logik könnte man dann auch behaupten, die “Deutsche Bahn AG” habe am Völkermord im Dritten Reich mitgemacht, das wäre genauso falsch, und man würde sich dann bei Richter Buske treffen :)

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