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19. Juli 2007

Über den Mythos, es sei kein Geld für Lokführer da

von @ 14:10. abgelegt unter Deutschland, Gewerkschaften

Mit der Bahn ist das schon etwas besonderes. Um Lokführer anständig zu bezahlen, steht, wie die Härte der Bahn in den Verhandlungen mit der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) zeigt, offenbar kein Geld zu Verfügung. Na, da kann mal wohl nichts machen, müssen die Lokführer eben vor dem Dienst im ICE heimlich eine Nachtschicht als Taxifahrer einlegen, damit das Geld so einigermaßen zum Leben reicht. In einigen osteuropäischen Ländern ist diese Art der Nebenerwerbstätigkeit von Lokführern und Flugzeugpiloten schon lange usus.

Aber clever ist die Bahn schon. Wie einst Indianer mit Glasperlen abgespeist wurden, so versucht die Bahn die Lokführer nun mit einem Zuckerl zufrieden zu stellen. Aber sonst geht’s der Bahn eigentlich ganz gut.

Über die deutschen Massenmedien wird gern der Vorwurf gegen die GDL verbreitet wird, es sei unsolidarisch, wenn sie sich engagiert für ihre Mitglieder einsetzt, weil dann weniger Geld für die anderen Mitarbeiter da wäre. Dabei sprudeln die Gewinne des Unternehmens Bahn eigentlich ganz gut, aber das ist ja, dafür möge man bitte Verständnis haben, auch notwendig, damit die Bahn möglichst bald meistbietend an der Börse verscherbelt werden kann.

Den Tarifkonflikt aus der Perspektive der Lokführer darzustellen, wird von den Massenmedien dabei - sicherlich rein zufällig - leider meist vergessen. Lesern, die auch die andere Seite mal hören wollen und sich nicht mit dem medialen Einheitsbrei aus Gefälligkeitsexperten und blanker Stimmungsmache zufrieden geben wollen, mag als Einstiegslektüre der gestrige offene Brief der GDL an Bahnchef Hartmut Mehdorn (pdf) dienen.

Im Artikel “Finanzierung von Stuttgart 21 steht“, den der SWR freundlicherweise auf seine Webseite gestellt hat, erfährt der geneigte Leser heute, dass in Baden-Württemberg gerade für 4,8 Mrd Euro ein kleineres Bauprojekt gestartet wird.

So ganz kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass eigentlich bei der Bahn schon genug Geld da wäre, wenn man denn nur wollte, um die Lokführer anständig zu bezahlen. Aber vielleicht geht es bei der Betontaktik der Bahn in den Tarifverhandlungen ja auch gar nicht um’s Geld?

Vielleicht geht es der Bahn und der hinter ihr stehenden Politik ja vor allem darum, unter allen Umständen Erfolge von Gewerkschaften zu verhindern, die sich tatsächlich für ihre Mitglieder so einsetzen, wie ihre Mitglieder das erwarten. Sonst könnte das Beispiel nämlich Schule machen und es könnten sich in Zukunft auch andere Berufsgruppen in kleinen Gewerkschaften organisieren, die ihre Interessen vertreten und sich nicht durch peinliche Vögeleien auf Firmenkosten oder andere Privilegien korrumpieren lassen.

Durch die kleinen Gewerkschaften erleben die Wrtschaftsbosse nun die Kehrseite von fortschreitender Rationalisierung bei gleichzeitiger Erhöhung der notwendigen Qualifikation der Mitarbeiter und der stetigen Erhöhung der Arbeitsdichte. Schließen sich die Arbeitnehmer in sinnvollen Einheiten zu Gewerkschaften zusammen, kann eine streikende Gruppe den ganzen Laden lahmlegen. Man stelle sich mal vor, es gründen auch die Teams in den Werkstätten, von der Streckensicherung oder in der Zugleitstelle ähnliche Gewerkschaften wie die Lokführer. Und man stelle sich mal vor, in anderen Großunternehmen gründet auch jede Berufsgruppe eine eigene Gewerkschaft.

Einen Betrieb durch Arbeitsverweigerung lahmzulegen, klappt natürlich nur, wo auch wirklich vernünftig gearbeitet wird. Wenn beispielsweise die Bundesregierung das nächste halbe Jahr durchstreiken würde, würde das hingegen vermutlich kaum jemand registrieren - und wenn doch, das dann möglicherweise nicht mal als wirklich negativ empfinden.

Auch grundgesetzwidrige gerichtliche Streikverbote helfen den Bossen gegen die kleinen Gewerkschaften nur wenig, denn selbst wenn eigentlich streikwillige Mitarbeiter - nur - Dienst nach Vorschrift machen, funktioniert in den meisten Betrieben wegen der typischerweise hohen Arbeitsdichte heutzutage so gut wie nichts mehr. Mit solchen Streiks könnte es tatsächlich möglich werden, der weiteren Verdichtung und Entmenschlichung der Arbeit Grenzen zu setzen.

Mein Parteibuch wünscht den Lokführern viel Erfolg.

Nachtrag: Nachdem die Bahn die Lokführer heute nochmal zu verschaukeln versucht hat, wird es nun eine Urabstimmung über einen unbefristeten Streik geben. Einem Tageschau-Artikel zufolge ermutigte der Chef der großen Konkurrenzgewerkschaft Transnet, Norbert Hansen, Bahn-Chef Hartmut Mehdorn dazu, hart zu bleiben und nicht mehr Geld zu zahlen. Unklar bleibt, warum Norbert Hansen bei seinen Tarifverhandlungen nicht auf der Arbeitgeberseite - oder gleich auf dem Schoß von Hartmut Mehdorn - Platz genommen hat.

14 Kommentare zum Beitrag “Über den Mythos, es sei kein Geld für Lokführer da”

  1. - sprach

    Super geschrieben und poplulistisch wie immer :)

  2. easyWord sprach

    Lokführer haben sich in der Gemeinschaft der Eisenbahner schon immer als etwas Besonderes gefühlt, nie als Teil der großen Familie. Genauso führt sich auch ihre Gewerkschaft auf. Statt sich mit den anderen Eisenbahnern und deren Vertretern zu solidarisieren, kocht die GdL ihr eigenes Süppchen. Es gibt bei der Bahn nicht nur Lokführer, sondern sehr viel mehr Mitarbeiter, die, schlecht bezahlt, schwere Jobs im Wechseldienst haben. Allen ist gemeinsam, dass die dilettantische Personal- und Unternehmenspolitik (Börsengang) der Bahn auf ihrem Rücken ausgetragen wird. Somit ist es verständlich, dass Transnet-Chef Hansen das Verhalten der GdL als kontraproduktiv geißelt.
    31 Prozent Lohnerhöhung? Wenn die Bahn AG es wirklich hart auf hart kommen lässt, ist die Gdl in absehbarer Zeit ganz einfach pleite.

  3. L-Roy sprach

    Soweit ich weiß, würde ein eigener Tarifvertrag mit der GdL bzw. eine höhere Lohnanpassung als in dem mit den beiden anderen Gewerkschaften geschlossenen Tarifwerk dazu führen, dass der schon geschlossene Tarifvertrag von den Gewerkschaften einseitig gekündigt werden darf. Womit das ganze Theater wieder von vorn anfinge.. Das erklärt vielleicht, warum der weniger streik- und kampfgeneigte Norbert Hansen Herrn Mehdorn zur Standhaftigkeit rät. Schließlich müßte er beim Einknicken des Bahnchefs wohl wieder was für sein Geld tun und neue Verhandlungen mit allen Drumherum angehen.

  4. Andreas Skowronek sprach

    Marcel, passend zu Deinem Beitrag ein Bildchen zu Hartmut Mehdorn, Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer: http://flickr.c...8785&size=o

    Nur Deiner rechts- und medienpolitischen Aufmerksamkeit scheint entgangen zu sein, dass entweder Die Welt oder die FAZ ihre Leitartikler schon vorschicken, um das BAG auf das Prinzip “Die mächtigste Gewerkschaft” macht den Tarifvertrag einzuschwören. Das nennt sich dann Tarifeinheit.

    Irgendwer – und das muss in der FAS vergangenen Sonntag zu lesen gewesen sein – richtet auch schon den Finger nach Frankreich und England. Dort nämlich – so wird berichtet – entscheiden die Regierungen, welche von den Gewerkschaften den Tarifabschluss aushandeln dürfen.

    Also lehnt Euch entspannt zurück, verfolgt das Treiben der GdL. Man weiß ja nie, wie lange die Rahmenbedingungen so gut sind für die GdL. Und wieder wech ;-)

  5. Mein Parteibuch sprach

    @Andreas
    Verbot von Gewerkschaftsarbeit? Das habe ich doch im Geschichtsunterricht schon mal irgendwo gehört.

    Ich habe da eine Idee. Man könnte doch vorschlagen, dass ein Dachverband der Gewerkschaften jeweils bestimmt, welche Gewerkschaft die mächtigste Einzelgewerkschaft ist, mit der dann der Tarifvertrag auszuhandeln ist.

    Diesen Dachverband könnte man dann zum Beispiel “Freier Deutscher Gewerkschaftsbund“, oder kurz FDGB, nennen.

    So hätte alles seine Ordnung und blöde Fragen gäb’s auch keine mehr.

  6. Perspektive2010 sprach

    Soweit ich es recht in Erinnerung habe, haben sich die Bezüge von Vorstand und Aufsichtsrat der Bahn in den letzten Jahren ca. verdreifacht. Da soll für die paar Kröten mehr kein Geld da sein? Lachhaft! Eher traurig, dass die andere Bahngewerkschaft sich mit den paar Kröten hat abspeisen lassen, denn das restliche Personal “an der Kundenfront” hätte auch mehr verdient.

    Gruß

    Alex

  7. subjektiv sprach

    Zugegebenermaßen überspitzt formuliert: Ein Lokführer muss meines Wissens ab und zu auf einen Knopf drücken, um anzuzeigen, dass er weder eingeschlafen noch verstorben ist. Verfahren kann er sich kaum. Sich mit einem Piloten zu vergleichen, ist ja wohl ziemlich anmaßend.
    Es wurde niemand gezwungen, Lokführer zu werden. Der Abschluß der anderen Bahn-Gewerkschaften ist doch nicht niedrig, finde ich. Ich fühle mich als Bahnfahrer schlicht erpresst von einer kleinen Gruppe, die meint, am langen Hebel zu sitzen.

  8. Mein Parteibuch sprach

    @subjektiv
    Piloten fliegen auch mit Autopilot. Wird das Geld nicht für die Bezahlung der Lokführer ausgegeben, so wird es an anderen Stellen mit vollen Händen zum Fenster hinaus geworfen. Das ist grober Unfug, was Du hier erzählst. Offenbar wirkt die teure Propaganda der Massenmedien.

    Es hat Dich ja niemand gezwungen, Bahnfahrer zu werden. Wenn der Beruf des Lokführers für Dich so attraktiv und einfach ist, dann werde doch selbst Lokführer. Da kannst Du dann auch “am langen Hebel” sitzen. Dann darfst auch Du mit dem gehalt eines Lokführers auf der Sonnenseite des Lebens sitzen.

    Und wenn das Geld dann - oh Überraschung - trotzdem nicht reicht, kannst Du ja vor der Schicht im ICE noch Taxi-Fahren gehen. Ist dann auch nicht so wichtig, wenn Du im ICE einpennst, musst ja eh nur Knöpfchen drücken.

  9. subjektiv sprach

    @Mein Parteibuch
    Ich habe doch nicht behauptet, dass ich den Beruf des Lokführers attraktiv finde!
    Es steht doch jedem frei, sich seinen Beruf selbst auszusuchen, auch einem Lokführer. Mein Bruder ist Maurer. Mit Hauptschulabschluß und 3-jähriger Lehre, genau wie viele Lokführer. Und er verdient weniger als ein Lokführer, der laut aktueller Stern-Tabelle im Schnitt 2.762 brutto im Monat hat (inkl. Zulagen, frage ich mich?). Und trägt seine Lohnverhandlung nicht auf dem Rücken unbeteiligter Dritter aus! Wenn er so unzufrieden wäre wie anscheinend viele Lokführer, würde er kündigen und sich was Neues suchen.
    Mit Deiner Argumentation (”…so wird es an anderen Stellen … hinaus geworfen..”) könnte man so ziemlich Alles begründen, z. B. doppeltes Gehalt für alle Beamten, denn die werfen ja angeblich besonders viel Geld aus dem Fenster… :-)
    Nur am Rande: Ich finde, die Deutsche Bahn ist ein permanentes Ärgernis für Alle, die sie nutzen. Allerdings auch und insbesondere ihre Mitarbeiter: Unpünktlichkeit, Unkenntnis der eigenen Bestimmungen, Übervorteilen des Kunden usw. Wohl jeder, der viel in D mit der Bahn fährt, kann ein Lied davon singen.

  10. Mein-Parteibuch.com » Die Justiz als Tarifpartei? sprach

    […] es die Bahn nun schafft, ihre Millardengewinne gegen den Wunsch der Lokführer nach Teilhabe zu schützen, liegt trotzdem völlig im […]

  11. Norbert Grölle sprach

    Es ist eine Unverschämtheit und Dummheit, jetzt 31% mehr für die Lokführer zu fordern.
    Warum hat diese GdL nicht in den verangegenen 4 Jahren pro Jahr 6-8% gefordert. Es handelt sich um einen Erpressungsversuch. Dieser ist damals in England durch Margret Tatcher erfolgreich abgewehrt worden, indem sie Gesezte erlassen hat, womit nicht eine Minderheit die Mehrheit erpressen kann.Die Gewerkschaften wurden für die Unverschämtheiten in England zur Kasse gebeten und waren damit pleite.Warum wird das in Deutschland nicht gemacht?

  12. Mein Parteibuch sprach

    @Norbert
    Das wird hier nicht gemacht, weil hier - dem Himmel sei Dank - nicht Margaret Thatcher an der Macht ist, das von den Gewerkschaften hart erkämpfte Streikrecht Verfassungsrang hat und die SPD dafür einsteht, dass das auch so bleibt.

    Deshalb ist hier in Deutschland der Erpressungsversuch der Minderheit von Aktionären gegen die Mehrheit der Beschäftigten und Verbraucher nicht so erfolgreich wie er anno dazumal in Großbritanien war. Oder glaubst Du allen Ernstes, dass die gesparten Gelder, wenn die Lokführer weiterhin auf einen anständigen Lohn verzichten, nicht den Aktionären, sondern in irgendeiner Weise anderen Beschäftigten oder gar als Preissenkung den Verbrauchern zu Gute kommen?

  13. mein-parteibuch.com » GDL macht ernst mit Bahnstreik sprach

    […] Nachdenklich darf man sicherlich bei der Frage werden, warum Hartmut Mehdorn den Lokführern trotz guter Kassenlage immer noch kein vernünftiges Angebot unterbreitet hat, obwohl es sicherlich im Interesse der […]

  14. mein-parteibuch.com » Eiertanz von Wolfgang Tiefensee sprach

    […] Schell und seine Lokführer kämpfen für alle, die hart arbeiten und dafür trotz voller Kassen einen Hungerlohn bekommen. Sie mögen den Bahnstreik solange fortsetzen, bis ihre Forderungen […]

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