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29. Juni 2007

“Manfred Schweizer ist eine überaus qualifizierte Führungspersönlichkeit”

von @ 8:17. abgelegt unter Recht und Unrecht, Deutschland, Politik, Polizei, Hessen, Sachsen

Am 18.05.2005 lobte der hessische Innenminister von der jüngst unter anderem durch einen offenbar versuchten Stimmenkauf leicht ins Gerede gekommenen Tankstellen-Connection, RA Volker Bouffier, den neuen Polizeipräsidenten von Mittelhessen, Manfred Schweizer, mit den Worten:

“Manfred Schweizer ist eine überaus qualifizierte Führungspersönlichkeit. Sein polizeilicher Werdegang und die damit verbundenen Qualifikationen bieten die Gewähr, dass er die erfolgreiche Arbeit von Manfred Meise nahtlos fortsetzen wird”

Mit Polizeipräsident Manfred Meise hat Volker Bouffier, der übrigens zusammen mit dem Innenminister von Thüringen, Karl Heinz Gasser, in Gießen in einer Rechtsanwaltskanzlei sitzt, auch im Wahlkampf, wie diese Ohrfeige des Bundesverfassungsgericht es zeigt, ein eingespieltes Team gebildet.

Mit Manfred Schweizer hat Volker Bouffier sich den richtigen Spezi an Land gezogen, denn Manfred Schweizer hat seine Qualifikation schon in Leipzig als Polizeipräsident unter Beweis gestellt. Manfred Schweizer kann, wie Radio Utopie berichtet, als Empfehung vorweisen, durch die Zerschlagung des K26 von Georg Wehling überaus erfolgreich bei der Bekämpfung der Korruptionsbekämpfung in Leipzig agiert zu haben. Dabei hat er, wie nun im Rahmen des sächsichen Sumpfes Stück für Stück ans Licht kommt, auch bestens mit einer offenbar willfährigen Justiz zusammengearbeitet. Welche bessere Empfehlung könnte es für einen Polizeipräsidenten in Hessen geben?

Sein politisch erfolgreich beurteiltes Wirken setzt Manfred Schweizer nun natürlich auch als Präsident des Polizeipräsidiums Mittelhessen fort. Zu den Leistungen des Polizeipräsidiums Mittelhessen finden wir nun bei der humanistischen Union Marburg eine Pressemitteilung über einen Beschluss des 20. Senats des OLG Frankfurt, das sich sicherlich dessen bewusst war, dass wie oben erwähnt das Bundesverfassungsgericht den Vorgang inzwischen im Blick hat, in dem dem Polizeipräsidium Mittelhessen mit recht deutlichen Worten bescheinigt wird, sich nicht an Recht und Gesetz zu halten:

Unterbindungsgewahrsam für Projektwerkstättler war rechtswidrig

Eine schallende Ohrfeige hat das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt der Gießener Polizei und Justiz verpasst. In einem Urteil Beschluss von Montag (18. Juni) erklärten die obersten hessischen Zivilrichter den Unterbindungsgewahsam eines Aktivisten der Projektwerkstatt Saasen für rechtswidrig. Die Polizei habe diese Maßnahme beantragt, obwohl der Inhaftierte die ihm zur Last gelegten Straftaten nach ihren eigenen Dokumenten gar nicht begangen haben konnte! Der Haftrichter habe die Anschuldigungen überhaupt nicht nachgeprüft!

Scharfe Worte haben die Richter des 20. Zivilsenats in ihrem Urteil Beschluss (pdf) gefunden: Dieses Vorgehen grenze an “Verfolgung Unschuldiger”. Eine Inhaftierung ohne Prüfung der Anschuldigungen sei in einem Rechtsstaat nicht hinnehmbar: “Da das Instrument des Gewahrsams während der Nazi-Zeit äußerst massiv missbraucht wurde, sollte es durch die Tatbestandsmerkmale ‘unerlässlich’ und ‘unmittelbar bevorstehend’ rechtlich unmöglich gemacht werden, dass die Vorschrift zu einer Ermächtigung zum sogenannten Vorbeuge-Gewahrsam (früher: Schutzhaft) ausgeweitet wird.”

Dem inhaftierten Umwelt-Aktivisten hatte die Polizei vorgeworfen, er habe in der Nacht zum 14. Mai 2006 die Kanzlei des hessischen Innenministers Volker Bouffier in Gießen mit Parolen beschmiert und eine übelriechende Flüssigkeit in die CDU-Kreisgeschäftsstelle hineingeschüttet. Doch genau zu der Zeit, wo diese Straftaten nach Angaben der Polizei erfolgt sind, hatten Zivilbeamte den Beschuldigten anderswo beim Tennis-Spielen observiert.

Dem OLG Frankfurt konnten der Betroffene und sein Rechtsanwalt einen Vermerk der Polizei vorlegen, in dem die Observation minutengenau protokolliert worden war. Dieses unstrittige Dokument schloss eine Tatbeteiligung des Mannes bei den ihm vorgehaltenen Aktionen definitiv aus. Dennoch hatte die Polizei den Unterbindungsgewahrsam mit der Behauptung beantragt, der Betroffene habe diese Straftaten begangen und könne nur durch eine Inhaftierung von “weiteren Straftaten” abgehalten werden.

Ohne jegliche Prüfung der Vorwürfe hatte ein Gießener Amtsrichter diesem Antrag stattgegeben. Auch eine Beschwerde beim Landgericht Gießen führte nicht zur Überprüfung dieser Vorwürfe. Beide male verschwieg die Polizei ihre Observationsaktion.

Der Unterbindungsgewahrsam war insgesamt rechtswidrig, erklärte der 20. Zivilsenat des OLG Frankfurt jetzt. Unterbindungsgewahrsam akzeptieren die Frankfurter Richter laut ihrer Urteilsbegründung nur dann, wenn er das einzige Mittel zur Verhinderung von Straftaten darstellt. Eine so stark in die Persönlichkeitsrechte eingreifende Maßnahme dürfe nicht ohne Not und schon gar nicht ohne Prüfung angeordnet werden, befanden sie.

Nach diesem Urteil müssten folgerichtig die beteiligten Gießener Polizeibeamten wie auch der verantwortliche Gießener Richter wegen der Verfolgung Unschuldiger und wegen Freiheitsberaubung im Amt belangt werden. Geschieht das nicht, so müsste man der zuständigen Staatsanwaltschaft die Frage stellen, ob sie sich dann nicht möglicherweise selbst der Strafvereitelung im Amt schuldig macht. (Quelle: Humanistische Union Marburg)

Das muss man sich einfach nur mal praktisch vorstellen: da wurde jemand von der Polizei in Mittelhessen unter Hinweis auf vermeintliche Straftaten vorsorglich eingesperrt, um sicherzustellen, dass er diese Straftaten, die er sie vorher nachweißlich nicht begangen hat, nicht begeht. Und alle juristischen Instanzen auf dem Weg zum OLG haben dabei mitgespielt. Sachsen ist überall.

Das ganze hört sich an wie ein schlechter Cowboy-Film, wo der Bösewicht locker in die Kamera sagt: Was interessiert mich Recht und Gesetz, ich bin hier Richter, Polizei und Vollstrecker.

10 Kommentare zum Beitrag ““Manfred Schweizer ist eine überaus qualifizierte Führungspersönlichkeit””

  1. otti sprach

    So ist es: Sachsen ist überall.

  2. Krauphi sprach

    Sollte Schweizer demnächst eine neue Verwendung brauchen, dann wird sich bestimmt wieder eine finden. Die Bundespolizei struktuiert gerade um und bei dem Bndesinnenminister hat er bestimmt gute Karten.

  3. Andreas Skowronek sprach

    Tach nach Berlin! Und eine Frage: Mir fällt auf, dass nirgends ein Link zu einer Zeitung zu finden ist.
    Soll das bedeuten, dass die Medien das Thema für irrelevant befunden haben? Sollte das zutreffen, dürfen wir uns über den Zustand der Justiz nicht wundern. Systeme, die unkontrolliert arbeiten können/dürfen, entwickeln zuweilen ein dem Gemeinwohl wenig zuträgliches Eigenleben :-(

  4. Mein Parteibuch sprach

    @Andreas
    Mit den Medien gibt es mindestens drei Probleme:
    - erstens gibt es redaktionsinterne Maulkörbe, wie Zapp beispielsweise hier berichtete,
    - zweitens werden wichtige Nachrichten, die Justiz und Politik schlecht aussehen lassen, gut zwischen Nachrichten zu Paris Hilton, der 24. Koalitionsrunde zur Gesundheitsreform oder dem Umfallen eines Sackes Reis in China versteckt
    - und drittens verschwinden kritische Medienbeiträge nach einiger Zeit oft wieder auf unerklärliche Weise aus dem Internet. Such zum Beispiel mal nach dem Beitrag: Korruptionsvorwürfe gegen Landrat Czupalla, erschienen bei Delitzsch-online am 21.11.2003. Kaum hatte Mein Parteibuch darauf verlinkt, war der Beitrag auch schon weg. Na sowas.

    Wir Blogger sind die unabhängigen Medien.

  5. Andreas Skowronek sprach

    @ Marcel
    Ist ja nicht so, als ob ich zu dem Thema gar nichts beizutragen hätte: http://www.nach...ng.de/about.htm

    ;-)

  6. Ulrich Brosa sprach

    Der 15.3.2004 war der Anfang vom Ende der hessischen Polizei. Dort wurde die Parole “Die Polizei ist ein Sammelbecken für Asoziale und Kriminelle” geprägt. Polizeipräsident war damals Manfred Meise, ein SPD-Mann, klein, dick, mit kurzem Hals.

    Die Idee ist, blödsinnige Befehle von Polizisten nicht auszuführen, auch wenn das für einen selbst schmerzhaft und teuer wird. Überhaupt darf die Polizei nicht so bleiben wie sie ist. Sie ist - von seltenen Ausnahmen abgesehen - ein Haufen stumpfer Knüppelknechte im Dienst korrupter Bonzen. Wir brauchen eine demokratische Organisation, die sich um Leute mit Problemen sozial kümmert.

    http://www.alth.../polsprech.html

  7. Franz-Josef Hanke sprach

    Zu Andreas:
    Der Beschluss des OLG Frankfurt datiert zwar von Montag (18. Juni), wurde dem Betroffenen aber am Dienstag (26. Juni) zugestellt. Insofern existiert auch von daher noch nicht allzu viel Reaktion darauf.
    Im Übrigen wird de Arbeitskreis “Justizreform” der Humanistischen Union marburg die spezifischen Probleme der kritischen Medien-Berichterstattung über die Justiz bei seiner nächsten oder übernächsten Sitzung einmal ausführlicher beleuchten.
    buskeismus.de weiß davon ein Lied zu singen. Bei der HU Marburg gab es dazu einen interessanten Artikel, der den Vortragstext eines ehemaligen Gerichtsreporters widergegeben hat. Leider ist mir die URL momentan nicht präsent.
    In jedem Fall existiert eine gegenseitige Abhängigkeit, die es den Medien sehr erschwert, kritisch über Richter und ihre Urteile zu berichten.
    Der HU-Arbeitskreis fordert ein Qualitätsmanagement (QM) in der Justiz. Das müsste auch eine kritische Berichterstattung als Element des QM beinhalten. Zudem fordert der HU-Arbeitskreis einen unabhängigen Justiz-Ombudsmann und die Strafbarkeit auch geringfügier Rechtsbeugung.
    So viel von der heutigen Sitzung in Büdingen.
    fjhvorgestern zugestellt.

  8. logisch sprach

    Hier was zur Internet-Qualifikation der bundesdeutschen Politiker.

    http://netzpoli...h-dem-internet/

    Wenn Westerwelle den PC mit einem Werkzeug vergleicht und ihn Kindern gegenüber mit einem Hammer gleichsetzt, dann mag das noch durchaus Kompetenz vermitteln. Wenn andere dagegen bei den Grundbegriffen schon passen müssen, wie etwa Frau Zypries beim Browser, dann ist das schon bedenklich, schliesslich setzt dies Frau derzeit den rechtlichen Rahmen und die kommentiert juristischen Meilensteine für die zu novellierenden Gegebenheiten angesichts des Internets und der Computertechnik ganz allgemein.

  9. Verschwörungstheoretiker « Wut! sprach

    […] in der Aufklärung oder gar Verhinderung mafiöser P’litikverbrechen zeigt sich deutlich weniger […]

  10. mein-parteibuch.com » “Goldene Lupe” für zweifelhafte “Leistungen”? sprach

    […] Mein Parteibuch hat vor ein paar Monaten beschrieben, was für eine “überaus qualifizierte Führungspersönlichkeit” Manfred Schweizer, der Polizeipräsident von Mittelhessen, ist. Bookmarken: […]

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