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5. Juni 2007

Persönlichkeitsrecht für Doping

von @ 19:55. abgelegt unter Presseschau, Recht und Unrecht, Sport, Zensur, Persönlichkeitsrechtsverletzung

Nach dem Erscheinen des Buches “Memoires van een wielerverzorger” haben gleich sieben (Ex-)Radsportler des Team Telekom, nämlich Bert Dietz, Erik Zabel, Christian Henn, Brian Holm, Udo Bölts und Rolf Aldag Doping zum Beispiel mit EPO in früheren Jahren zugegeben. Man könnte nun meinen, dass der belgische Buchautor Jef D’hont und alle diejenigen, die ausgepackt oder weitere Einzelheiten recherchiert haben, dafür, dass sie das tödliche Kartell des Schweigens zum allgegenwärtigen Doping gebrochen haben, mit Auszeichnungen überhäuft werden. Doch tatsächlich scheint vor allem die Angst vor juristischen Konsequenzen wegen der möglichen Verletzung von Persönlichkeitsrechten von - möglicherweise - für das Doping Verantwortlichen allgegenwärtig zu sein.

So gab es beim Auftritt des Ex-Profiradsportlers Bert Dietz in der Fernsehsendung von Reinhold Beckmann einen hässlichen Pfeifton der Selbstzensur. Und bei der Wissenswerkstatt, deren Autor mit viel Akribie Material - zum Beispiel aus diesem Artikel in der Süddeutschen - zur Rolle von Ärzten beim Doping im Radsport zusammengetragen hat, gab es denn auch prompt eine Abmahnung. Und heute ist zu lesen, dass der ehemalige Chef des Team Telekom, Walter Godefroot, den Autor Jef D’hont einen Lügner nennt und verklagen will.

Dabei lässt sich das Problem recht einfach beschreiben. Geschickt organisiertes Doping lässt sich durch Kontrollen praktisch nicht nachweisen. Bei den seltenen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen geht es dann nur um konkrete Schuld im Einzelfall, das System als ganzes wird hingegen nicht berührt. Wer als Whistleblower in einem System von organisiertem Doping auspackt, der muss wegen seiner lobenswerten Zivilcourage damit rechnen, seinen Job zu verlieren und obendrein auch noch einkalkulieren, von Pressegerichten wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten durch Gerichtskosten bestraft zu werden. Die freien deutschen Medien respektieren auch das Persönlichkeitsrecht, berichten allenfalls von den wenigen belegbaren Einzelfällen, stellen die Ertappten dann an den Pranger und sorgen so dafür, dass ein tödliches System weiter wie geschmiert läuft.

Hierin liegt nach Auffassung von Mein Parteibuch eine klare Perversion des Rechts. Über das Persönlichkeitsrecht, das eigentlich dazu da sein soll, Menschen zu schützen, wird die Aufdeckung von tödlichen Praktiken zum Nachteil der zu Schützenden systematisch verhindert. Mein Parteibuch ist der festen Überzeugung, dass, um solche Perversionen zu verhindern, das Grundrecht der Meinungsfreiheit gegenüber dem Persönlichkeitsrecht von der Politik deutlich gestärkt werden muss.

Wer nun glaubt, dass die Stärkung der Meinungsfreiheit von der Politik nicht gewollt ist, weil sonst die ebenso wie das Doping allgegenwärtige und unsichtbare organisierte Kriminalität in all ihren widerlichen Formen leichter ans Licht kommen könnte, der sollte sich bewusst sein, dass dies ein ketzerisches Gedankenverbrechen darstellt, das mit der Illusion der Pressefreiheit in Deutschland unvereinbar ist.

7 Kommentare zum Beitrag “Persönlichkeitsrecht für Doping”

  1. Meudalherr sprach

    Seine Meinung kann man nur noch anonym im Internet äussern. Wir brauchen ein Pressegesetz, das eine Güterabwägung zwischen Persönlichkeitsrecht und Pressefreiheit zugunsten der freien Rede vornimmt. Stichworte sind u.a. “chilling effect” und “substantial truth”. Die Sache mit dem Doping ist ein gutes Beispiel für die Misere.

  2. Oliver sprach

    Ich halte das Thema “Doping im Radsport” für völlig uninteressant und überbewertet. Als wenn es in Deutschland keine “richtigen Probleme” anzupacken gäbe, wird keine Gelegenheit ausgelassen, dem albernen Doping so viel Aufmerksamkeit wie nur möglich zukommen zu lassen.

    Ist das Thema wirklich so ein Sympathie- und Stimmenfänger? Wird man sich demnächst auch um Bodybuilder kümmern, die sich mit Anabolika vollpumpen, um ordentlich dicke Adern zu bekommen? Oder lässt man diese einfach langsam wegsterben, weil sie ohnehin kaum Medienaufmerksamkeit genießen?

    Wer unbedingt seine Gesundheit riskieren will, soll es doch meinetwegen tun. Geht doch niemanden etwas an, außer dem Sportler selbst.

    Warum teilt man die Sportler nicht einfach in zwei Lager auf, die einen mit, die anderen ohne Doping und guckt erst mal, wie weit die ohne Doping eigentlich (noch) kommen?

    Mit Chance siedeln viele Leute über - und man braucht deutlich weniger Sportler zu kontrollieren als jemals zuvor. ;-)

    Wer sich als Anti-Doper meldet und anschließend erwischt wird, sollte dann natürlich wirklich mit entsprechenden Konsequenzen zu rechnen haben. Für mich hat er aber erst dann wirklich betrogen.

    So wäre das Thema doch schnell und einfach vom Tisch - oder nicht?

  3. Peterle sprach

    Bitte nicht ganz vergessen, dass die derzeitige “rechtliche” Lage von gewissen Richtern und Beklagtenanwälten frei erfunden ist.

  4. BigWhoop sprach

    Alter Hut. Doping gab es doch schon immer in allen Sportarten. Nicht umsonst sind manchen Sportlern Brüste gewachsen. Allerdings stimme ich der Tatsache zu, dass die arme Sau die die durchs Dorf geprügelt wird, auch die ist die sich auf einem Fahrradsattel verausgabt und sich Nachts von einer Pulsuhr wecken läßt, damit sie nicht den plötzlichen Herztod stirbt. Die ganzen anderen Säue filzen in ihrem Stall fleißig weiter, weil ihr Persönlichkeitsrecht so schwer wiegt wie sie selbst und es in ihrem Stall doch so schön gemütlich ist. Wer will sich da schon stören lassen.

    Defakto teilen sich die Sportsäue den Stall mit Wirtschaftssäuen und sollte ein Bauer mal auf die Idee kommen das Licht anzuschalten und auszumisten, würde man wirklich sehen, wieviel Unrat sich da so angesammelt hat, was einiges sein dürfte.

  5. Mein Parteibuch sprach

    @Oliver
    Richtig, das beste, was man gegen das Doping aus finanziellen Gründen im Leistungssport tun könnte, wäre dem Leistungssport die mediale Bühne zu entziehen.

    Dazu wäre es wünschenswert, dass der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk keine Milliarden an Gebührengeldern mehr für Leistungssport verschwenden würde und die staatliche Förderung von Spitzensport ähnlich wie in den Niederlanden praktisch abgeschafft würde.

    Natürlich würden dann private Sender vermutlich trotzdem noch blutige Boxkämpfe, lebensgefährliche Autorennen, Pharma-Leistungs-Shows auf zwei Rädern und verschobene Fußballspiele zeigen, aber immerhin würde das Opium für’s Volk sich dann wenigstens selbst finanzeren müssen.

    Hier im Parteibuch gibt es deshalb normalerweise keinen Spitzensport. Dieser Artikel stellt insofern eine Ausnahme dar. Allerdings hat der Artikel auch nicht primär Sport, sondern vielmehr die fehlende Meinungsfreiheit und ihre Folgen als Thema.

  6. otti sprach

    Doping-Deutschland zeigt wieder einmal die ganze Verlogenheit und Doppelmoral einer kaputten Gesellschaft.

  7. » Blog Archiv » Die Illusion des deutschen Rechtsstaates sprach

    […] Rechtsstaatlichkeit als in Russland herrscht, und dies mit konkreten Beispielen, wie dies gerade Jef D’hont bezüglich des allgegenwärtigen Dopings im Profiradsport getan hat, aus dem eigenen Umfeld belegen, so müsste er wegen der fehlenden Rechtsstaatlichkeit im […]

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