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24. Oktober 2006

Tips für Unternehmer zu Web 2.0, PR-Agenturen und so

von @ 2:18. abgelegt unter Informationszeitalter, Wirtschaft, Werbung, Internet

Unternehmern wird in letzter Zeit des öfteren von PR-Agenturen empfohlen, sie mit der Kommunikation im Web 2.0, also beispielsweise dem Betreiben eines absatzfördernden Blogs, zu beauftragen. Bereits der Ansatz ist unehrlich und zum Scheitern verurteilt. Ignorieren sollten Unternehmen das Web 2.0 jedoch nicht. Ich bin davon überzeugt, dass das Web 2.0 Unternehmen gründlicher verändern wird, als die Einführung von Personal Computern in den 90er Jahren. Im folgenden möchte ich Unternehmern kurz erklären, was sie tatsächlich tun können, um Erfolg mit dem Web 2.0 zu haben.

Wer als Unternehmer anständig handelt, ein gutes Produkt hat und das zu anständigen Preisen vertreibt, der wird sicher auch in der Blogosphäre gut ankommen, weil das Unternehmen dann auch einer gründlichen Diskussion standhalten wird. Der Shopblogger, der Hostblogger und viele andere Newcomer zeigen, wie es geht. Unternehmenskommunikation via PR-Agentur ist im Web 2.0 jedoch schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt, denn gefragt ist im Web 2.0 der direkte Kundenkontakt und die Authentizität des Unternehmers, die eine PR-Agentur niemals bieten können wird.

Andersherum heisst das aber nicht, dass Unternehmen, die das nicht bieten können, gerade weil sie ein unethisches Geschäftsgebahren an den Tag legen, das Web 2.0 ignorieren können. Unethisch handelnde Unternehmen kommen weder durch unheimlich gute PR-Agenturen noch durch unfreundliche Anwaltsbriefe noch durch Ignorieren von kritischen Fragen noch durch Fernsehsendungen mit Fischgeruch aus einem Desaster im Web 2.0 heraus. Im Gegenteil, ein solches Verhalten gibt erst recht Anlass zur Kritik und die Regeln der Ökonomie der Aufmerksamkeit tun ihr übriges dazu, dass die peinlichen, am liebsten totgeschwiegenen Sachverhalte dann erst richtig bekannt werden. Fragen Sie mal bei AOL, IPA, MEG24, Die Dienstleister, HMI, Fischerwerken, AWD, Sportandoutdoor, Transparency International, Meinolf Lüdenbach, Jamba, Media Markt oder Siemens nach, wie das Web 2.0 funktioniert.

Das einzige, was Unternehmen tun können, um ein Desaster im Web 2.0 zu vermeiden, ist sich tatsächlich ethisch einwandfrei zu verhalten. Die im bulgarischen AKW-Projekt Belene involvierten Banken haben das gerade lernen dürfen und ihre Beteiligung am AKW-Projekt Belene aufgegeben.

Mir ist klar, dass ethisches Verhalten für 99,9% aller Unternehmen nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als dass sie ihr komplettes Geschäftsgebahren auf den Kopf stellen. Ich möchte Ihnen als Unternehmer trotzdem nahelegen, sich anständig zu verhalten. Hören Sie damit auf Kunden über den Tisch zu ziehen, Betriebsräte unter Druck zu setzen oder wie bei Volkswagen zu korrumpieren, Politiker zu schmieren, Menschen mit unerwünschten Telefonanrufen zu belästigen, Mitarbeiter zu mobben, schlechte Ware in den Markt zu drücken, illegale Preisabsprachen zu treffen, die Umwelt mehr als notwendig zu schädigen, lobhudelnde Medienbeiträge zu bestellen, dümmliche und verlogene Werbekampagnen zu fahren und Aktionäre abzuzocken. Erinnern Sie sich noch an so Dinge wie Unternehmensethik oder Unternehmenskultur, wo Sie im Studium immer nur halbherzig dabei waren, weil Sie gedacht haben, das würde nie wichtig werden? Nein? Wenn Sie die Grundregeln des menschlichen Anstandes schon nicht beherrschen, dann sollten Sie sich aber daran erinnern.

Denn wer sich als Unternehmer nicht ethisch einwandfrei verhalten will, muss damit rechnen, im Web 2.0 über kurz oder lang nach allen Regeln der Kunst in seine Einzelteile zerlegt zu werden und jedes schmutzige Detail seines Geschäftsgebahrens in der öffentlichen Diskussion wiederzufinden. Verbraucherschutz-Plattformen wie das Beschwerdezentrum oder Snakecity, Medienbeobachter, Whistleblower-Netzwerke, Initiativen gegen Wirtschaftskriminalität, Mobbing-Gegner, Akionärsschützer, zahllose Foren, Wikis und mehr als 55 Millionen Weblogs werden dafür sorgen. Und für die ganz renitenten Fälle gibt es dann auch noch Seiten wie Mein Parteibuch.

Also, handeln Sie redlich, dann klappt es auch mit dem Web 2.0. Schließlich wollen Sie doch nicht wirklich, dass die Geschichte ihres Unternehmens als Final bei Boocompany, Europas führendem Anbieter und Distributor für exitorientierte Unternehmensmeldungen, endet. PR-Fuzzies sollten Sie sich sparen.

22 Kommentare zum Beitrag “Tips für Unternehmer zu Web 2.0, PR-Agenturen und so”

  1. A. John sprach

    ethisches Verhalten
    anständig handeln
    Unternehmensethik oder Unternehmenskultur
    Grundregeln des menschlichen Anstandes
    handeln Sie redlich

    Marcel, Du sprichst über Dinge, die den allermeisten Managern so fremd sind, wie den Sentinelesen (http://de.wikipedia.org/wiki/Sentinelesen) die Gesetze der Quantenmechanik.
    Solange betrügen und abzocken mehr einbringt als die Anwälte kosten, welche die Justiz zum einknicken bewegen, solange es Dunkelkammern gibt, die mißliebige Kritiker zum schweigen bringen und die Meinungsfreiheit untergraben, solange die Politik lediglich Auftragsgesetzgebung betreibt und Politiker das Land für einen Vorstandsposten verrotten lassen, solange werden solche Appelle von denen, die es betrifft vermutlich noch nichtmal zur Kenntnis genommen.
    Sie finden ihre Berechtigung allerdings in der Hoffnung, steter Tropfen werde irgendwann mal ein loch in den Stein hämmern. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

  2. Oliver Wagner sprach

    Da Du Dich auf mich beziehts Marcel, schnell ein paar Worte von mir zu diesem Thema:

    Zum einen ist das agenturblog beileibe kein PR Blog, ausserdem propagiere ich in keinster Weise den Betrieb eines “absatzfördernden Blogs”, sondern empfehle Menschen und auch Unternehmen, Teil einer Kommunikation zu werden, die ohnehin statt findet. Das setzt grundsätzlich natürlich ein gewisses Maß an Ehrlichkeit und Transparenz voraus. Ist das aber der Fall, bietet Ihnen die Form der Kommunikation über Blogs einen Draht zu Kunden und Geschäftspartnern, wie es die klassische Kommunikation nicht leisten kann.

  3. Mein Parteibuch sprach

    Hm, wenn Unternehmer oder ihre leitenden Angestellten bloggen, warum sollten sie das tun, wenn der “Draht zu Kunden und Geschäftspartnern” nicht letztlich der Absatzförderung dient? Ich finde das auch völlig legitim, denn schließlich wollen und sollen Unternehmen erfolgreich sein und viele Produkte verkaufen. Wenn das aber so ist, warum soll man das dann nicht auch offen so sagen?

    Dein Beispiel vom weissen Elefanten finde ich übrigens recht nett. Auch ich sehe das so, dass der weisse Elefant Web 2.0 im Raum steht und weder durch Augen verschliessen noch durch wegdiskutieren wieder verschwindet.

    Web 2.0 stellt aber eben nicht nur eine kommunikative Herausforderung dar, sondern vor allem eine ethische. Die schönste Unternehmenskommunikation würde Lycos im Web 2.0 nichts nutzen, wenn Lycos sich bei der Kündigung eines Accounts so verhalten würde wie AOL sich in den USA verhalten hat. Im Gegenteil, so etwas würde die ganze ach so authentische Kommunikation im Web 2.0 verlogen aussehen lassen.

    Das einzige, was Unternehmen tun könen, um solch einem Desaster mit dem weissen Elefanten auf Dauer zu entgehen, ist, sich wirklich anständig zu verhalten.

  4. Ironwhistle sprach

    Das Web 2.0 wird für die meisten Unternehmer wieder ein Griff ins Klo werden - einfach weil sie sich nicht direkt mit dem Kunden auseinandersetzen möchten.

    im Grunde hätten die Unternehmen schon damals im Internet punkten können, aber die wenigsten zeigten entsprechendes Gebahren. Und letztlich ist es der Kunde der entscheidet ob eine Dienstleistung ankommt oder nicht…

  5. Kai sprach

    @ 4 - “letztlich ist es der Kunde der entscheidet ob eine Dienstleistung ankommt” - genauso ist es, denn service sells.

  6. Mein Parteibuch sprach

    Das Web 2.0 scheint tatsächlich schon jetzt in Ansätzen zu funktionieren. Wer sich als Unternehmer nicht anständig verhält, muss damit rechnen, dass darüber detailliert diskutiert werden wird. Ich bin mal gespannt, wann die Unternehmer es begreifen, dass sie sich über kurz oder lang anständig verhalten müssen, oder sie ihren Laden dicht machen können.

    Alles das, was die Medien in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich hätten berichten müssen, taucht nun im Netz auf. Die Manipulation der öffentlichen Meinung klappt nicht mehr so wie gewohnt. Im Web 2.0 entsteht die vierte Gewalt neu.

    Meine Hoffnung ist, dass das gleiche, was für Unternehmer im Web 2.0 gilt, auch bald für Politiker gilt. Wer sich nicht anständig verhält, hat zukünftig hoffentlich keine Chance mehr.

  7. baseface sprach

    Rischtisch!

    Und buche mich als Deinen Berater, denn dann kann man “sicher” sein, dass Du entweder genug gezahlt hast, damit ich Dich “gutrede” [ein gefaktes (”lasse”)], oder Du “wirklich gut” bist…

  8. Gerhard Zirkel sprach

    Das WEB 2.0 könnte tatsächlich die erste, wirklich nicht käufliche Möglichkeit sein die Wahrheit über manche Unternehmen kundzutun.

    Die herkömmlichen Medien haben nämlich das Problem, dass sie irgendwem gehören, der sie kontrollieren kann und der meist auch bestechlich ist.

    Das WEB 2.0 besteht hingegen aus vielen, kleinen und voneinander unabhängigen Projekten, die unmöglich alle kontrolliert oder gekauft werden können.

    Ausserdem muss man sich in Zukunft wohl oder übel selbst und vor allem direkt mit seinen Kunden auseinandersetzen. Die Frage ist nur, will der Kunde sich auch mit den Unternehmen auseinandersetzen? Oder bleibt Geiz geil und der Rest egal?

    Gerhard Zirkel

  9. Ironwhistle sprach

    Politiker im Netz ehrlicher? Na Marcel, daran glaubst du doch selbst nich - eher werden die Versuchen das Netz durch Gesetze und Verbote zu sabotieren…

  10. Mein Parteibuch sprach

    @Ironwhistle
    Klar werden Politiker versuchen, das Netz durch Gesetze und Verbote zu sabotieren, nur wird ihnen das nicht gelingen.

  11. Keine Panik! » PR bedeutet Phasenweise Ratlos sprach

    […] Marcel vom Parteibuch wiest auf seinen Leitfaden für Unternehmer hin. Den ich jetzt mal nicht eingehender kommentiere. […]

  12. links for 2006-10-25 « Das Textdepot sprach

    […] Mein Parteibuch » Tips für Unternehmer zu Web 2.0, PR-Agenturen und so Marcel Bartels betont - vollkommen zu Recht - den engen Zusammenhang zwischen ethischem Verhalten (ich würde sagen: CSR) und der Chance, als Unternehmen im Web 2.0 zu bestehen (tags: Ethik weblog pr) […]

  13. Jürgen Heinz sprach

    Hallo Marcel,

    ich bin eben durch Zufall auf Deinen Beitrag gestossen und bin sehr beeindruckt wie Du Dich mit diesem Thema auseinandergesetzt hast. Auch wir sind ein Unternehmen und haben das bloggen für uns entdeckt. Die Hintergründe sind klar und eindeutig: wir wollen unsere noch junge Marke von Schmuck & Uhren bekannter machen. Und das finde ich sehr plausibel. Dass wir dabei ehrlich und authentisch sind versteht sich von selbst für uns. Vielleicht ist dies bei großen Konzernen in dieser Offenheit und Ehrlichkeit gar nicht möglich. Uns ist klar, dass ein Unternehmensblog eine gewisse Gradwanderung für eine Marke darstellt. Sind uns jedoch auch mehr als Bewusst darüber, dass wenn wir unseren Blog nicht authentisch führen, moderieren und pflegen, wir dann ganz schnell den kürzeren ziehen würden. Und deshalb werden wir getreu nach dem Motto: Authentisch, Offen und Ehrlich bloggen. In diesem Sinne schöne Grüße, Jürgen Heinz

  14. Mein Parteibuch » Lob für die DaimlerChrysler Bank im Web 2.0 sprach

    […] Wie dem auch sei, die DaimlerChrysler Bank möchte ich im Web 2.0 herzlich willkommen heißen. [Trackback URI]    [Permalink] […]

  15. Kasi-Blog » Blog Archive » PR vs. Web 2.0 sprach

    […] In a recent article Marcel Bartels gives some advice to companies what to do in case the blog-o-sphere detects some unethical behaviour. I find the article interesting because it gives so many good examples of Bad PR caused by the mechanism of Web 2.0 and especially caused through bad blogging. […]

  16. Mein Parteibuch » Martin Perscheids Abgründe im Web 2.0 - Aus die Maus sprach

    […] Eine kleine Hoffnung habe ich noch. Martin Perscheid hat sich zu der Klage bisher anscheinend nicht geäußert. Vielleicht liest er ja meine Tips für Unternehmer im Web 2.0. Wenn er sich nun öffentlich entschuldigt, alles daran setzt, den Schaden wieder gut zu machen und sich dazu notfalls auch mit Bullspress vor Gericht anlegt, dann könnte er doch noch unser Star werden. […]

  17. Sich.-Ing.J.Hensel sprach

    Hallo,
    zum Sichwort “Mobbing” gibt es am Dienstag eine Sendung (Menschen bei maischberger), die ich gewissermaßen

    unter http://blog.mob...ischberger.html
    kommentiert habe.

    Gruss

  18. Mein Parteibuch » Olympia goes Abmahnistan sprach

    […] Dem deutschen olympischen Sportbund möchte ich abschliessend noch schnell die Lektüre meiner Tips für Unternehmer im Web 2.0 empfehlen. [Trackback URI]    [Permalink] […]

  19. Mein-Parteibuch.com » Calvin Klein’s in2u riecht nach Spam sprach

    […] Coty doch eine andere Zielgruppe im Auge hatte, dann hätten sie sich vielleicht vorher mal die Tipps für Unternehmer zu Web 2.0 vom Parteibuch durchlesen sollen. 268e [Trackback URI]    […]

  20. mein-parteibuch.com » Rechnungsspaß mit dem HASA-Shop zensiert sprach

    […] Hamm Verwaltungs GmbH, Herrn Sascha Hamm, zur erfolgreichen Zensur und empfiehlt ihm, mal ein paar Tips für Unternehmer im Web 2.0 zu lesen. Bookmarken: [Trackback URI]    […]

  21. Martin sprach

    Hi,

    auch wir leisten mit unserem Portal kununu.com einen Beitrag zu den oben besprochenen Themen. Ich freue mich, daß durch das Web 2.0 die Zeiten in denen Unternehmen die Produktentwicklung ins Wohnzimmer der Konsumenten verlagern oder Mitarbeiter unmenschlich, ungesetzmäßig und asozial behandeln - vorbei sind.

    Das Web 2.0 wird in meinen Augen für eine neue Qualität am Arbeitsmarkt, Güter- und Dienstleistungsmarkt sorgen. In jedem von uns steckt so viel Wissen und Erfahrung - rund um die Berufswelt bzw. Konsum - das es bloß zu vernetzen und verdichten gilt.

    In diesem Sinne. Macht mit !

    Lieben Gruß

    Martin

  22. mein-parteibuch.com » Webnews goes Stasi 2.0 sprach

    […] Webnews? Tja, das war’s wohl. Wieder ein Beispiel dafür, wie schnell sich ein Unternehmen im Web 2.0 einen guten Ruf gründlich ruinieren kann. Bookmarken: [Trackback URI]    […]

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