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22. Oktober 2006

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit

von @ 3:30. abgelegt unter Über dieses Blog, Informationszeitalter

Nachdem ich vor einer Woche anläßlich eines Kripo-Einsatzes beim Schweizer Intercable Verlag einen thematischen Blick zurück auf die Anfänge von Mein Parteibuch geworfen habe, möchte ich nun am Beispiel von Mein Parteibuch auch etwas zur Diskussion des Dauerthemas Einfluss und Zugriffszahlen von Weblogs beitragen. Vielleicht sind meine Erfahrungen oder meine Gedanken ja für jemanden hilfreich, der etwas Interessantes zu sagen hat und damit möglichst viele Menschen erreichen möchte.

Als ich vor nicht einmal eineinhalb Jahren in die SPD eingetreten bin und mit meinem ersten ungelenkigen Beitrag angefangen habe zu bloggen, habe ich nicht damit gerechnet, dass es meine kleine politische Webseite wirklich einmal auf eine Million Seitenabrufe jährlich bringen würde. Inzwischen bringen es die gut 1400 Beiträge in Mein Parteibuch zuzüglich der etwa 400 Artikel im Parteibuch-Wiki im Schnitt auf etwa 4.500 Seitenabrufe pro Tag und sind damit sowohl bei Blogscout, beim Schwanzvergleich, in den deutschen Blogcharts und bei der Alexa-Hitliste im Besserwerberblog in den Charts vertreten. Aber wie kommt man fleissig bloggend in die Top 100?

Grundlegend für die Popularität meiner Webseite halte ich mein Verständnis davon, was es bedeutet, dass sich die Gesellschaft im Umbruch vom Industriezeitalter hin zum Informationszeitalter befindet. In einem Technopolis-Artikel zur Ökonomie der Aufmerksamkeit wurden bereits 1998 einige der aus meiner Sicht grundlegenden Gedanken zum Stellenwert der Aufmerksamkeit als Folge dieses Zeitenwandels besprochen. Bis in den Anfang des 21. Jahrhunderts hinein war es allerdings Stars, Sternchen und anderen Promis vorbehalten, die Implikationen der Ökonomie der Aufmerksamkeit auszunutzen. Wie die Ökonomie der Aufmerksamkeit bei Promis und den klassischen Medien funktioniert, zeigt ein Bericht vom OLG Hamburg auf seiner Buskeismus-Seite. Nun ist die Ökonomie der Aufmerksamkeit im Web 2.0 angekommen und ihre Mechanismen lassen sich von jedermann nutzen.

Der erste praktische Schritt in die Ökonomie der Aufmerksamkeit war dann die Auswahl und Anpassung der technischen Plattform. Google ist in der derzeitigen Stufe des Informationszeitalters ein ganz wichtiger, aber von vielen in seiner Funktionsweise nicht verstandener Multiplikator. Inhalte, die bei Google nicht zum thematisch passenden Stichwort gefunden werden, sind im Bewusstsein des Internet nahezu nicht existent. Aus dem Leitspruch esse est percipi wurde inzwischen längst esse est google. Blogsoftware, insbesondere Wordpress, versteht sich blendend mit Google, also habe ich mich für ein Blog und für Wordpress als Plattform entschieden. Damit meine Beiträge bei Google auch gefunden werden, habe ich mir eine simple Liste von Google Ranking Faktoren angeschaut und die daraus gewonnen Erkenntnisse bei der Auswahl der eingesetzten Plugins und beim Design meines Weblogs berücksichtigt.

Bei der Auswahl des Themas einer aufmerksamkeitserregenden Webseite gibt es wohl keine Begrenzung, außer dass es sicher nicht schadet, wenn sich der Autor irgendwie mit dem Thema auskennt und es hinreichend viel Stoff bietet. Ich habe, bevor ich zu bloggen angefangen habe, eine Weile die politische Entwicklung sehr genau in den Medien verfolgt, in verschiedenen Foren zu politischen Themen mitdiskutiert und dabei auch gleich geübt, mich einigermassen verständlich auszudrücken. Dass ich eine politische Webseite machen wollte, war für mich von Anfang an klar. Politik halte ich deswegen für ein besonders spannendes Thema, weil in der Politik die Fäden der Macht zusammenlaufen. Als unversesserlicher Weltverbesserer habe ich mir als Mission meines Weblogs vorgenommen, mich persönlich in der Politik umzuschauen und herausbekommen, was da eigentlich schief läuft, dass da am Ende so oft so wenig zufriedenstellende Ergebnisse rauskommen und die Medien nicht in der Lage sind, das zufriedenstellend zu erklären. Andererseits ist Politik auch ein besonders schwieriges Thema, denn hier sind vermutlich besonders viele Menschen anzutreffen, die die Regeln im Wettbewerb um Aufmerksamtkeit schon seit geraumer Zeit inklusive sämtlicher gehässiger Fouls und Intrigen aus dem FF beherrschen und sie auch zu zögern anwenden.

Dann ging es los mit dem Bloggen. Die ersten Beiträge werden sicher bei den meisten, die zu bloggen anfangen, ähnlich unbeholfen aussehen wie meine. Den Regeln der Ökonomie der Aufmerksamkeit folgend, ist es zu Beginn wichtig, eine Möglichkeit zu finden, in der Masse irgendwie aufzufallen. Wer dieselben Inhalte genauso schreibt, wie es die Journalisten der Mainstream-Medien tun, nur etwas schlechter, der wird niemandem auffallen.

Dabei haben unbekannte Hobby-Autoren die Möglichkeit, sich in einer Art und Weise auszudrücken, für die jeder Journalist von seinem Arbeitgeber gefeuert würde, weil er damit Leser vergrault. Wenn nämlich nur wenige Prozent der Mitmenschen das, was man schreibt, nicht besonders schlecht, sondern eher ziemlich gut finden, ist es überhaupt kein Problem, wenn man sich dafür bei einigen anderen Mitmenschen unbeliebt macht. Trotzdem halte ich es für wichtig, sich stets anständig zu verhalten.

Ich denke, im Sinne der Ökonomie der Aufmerksamkeit ist es für einen Blogger sogar wünschenswert, bei einigen Leuten unbeliebt zu sein, denn Reibung erzeugt Aufmerksamkeit. Wenn Streitende Reibung souverän, mit etwas Anstand und ein bisschen Humor bewältigen, können durch einen Streit in der Ökonomie der Aufmerksamkeit alle Seiten gewinnen.

Es lohnt sich auch, sich in öffnetliche Auseineinandersetzungen Dritter einzubringen. Dabei gibt es ein wenig Aufmerksamkeit, ein paar Backlinks und vor allem lassen sich so persönliche Netzwerke knüpfen. Diese persönlichen Netzwerke werden wichtiger. Wer es allerdings übertreibt, der sollte sich nicht wundern, wenn er irgendwann als Nervensäge erscheint und als Troll kollektiv durch Entzug von Aufmerksamkeit bestraft wird.

Wer mit dem, was er schreibt, anderen Leuten auf die Füsse tritt, fleissig verlinkt und Trackbacks setzt, und deshalb mit den kritischen Inhalten auch gefunden wird, der wird irgendwann von Trollen, anonymen Rufmördern und Juristen unfair attackiert werden. Dagegen habe ich mich bisher ausgesprochen erfolgreich dadurch gewehrt, dass ich über die unfaire Attacke möglichst detailliert geschrieben habe. Hier zeigt sich dann, ob man anständig war und Netzwerke geknüpft hat. Eine unfaire Attacke gegen einen kleinen anständigen Webseitenbetreiber ist ein wichtiges Ereignis und deshalb immer eine Nachricht wert.

Die wenigsten Angreifer sind sich bewusst, dass sie die attackierten Inhalte und die unfair attackierte Person erst recht ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Im grellen Licht der Öffentlichkeit zeigt sich dann, wer wie anständig war. Letztlich haben ausgerechnet die zahlreichen unfairen Attacken gegen mich und Mein Parteibuch dazu geführt, dass meine Webseite ziemlich bekannt geworden ist und recht viel von der im Sinne der wichtigsten Währung des Informationszeitalters erhalten hat.

Zum Schluss des Artikels möchte ich noch erklären, dass das mir meine Seite Mein Parteibuch von Tag zu Tag mehr Spass macht. Aber auch Nervenkitzel gibt es nicht wenig und manchmal fühle ich mich, als ob ich auf einer publizistischen Rakete sitze, deren Flugbahn auch ich nur in begrenztem Masse vorherbestimmen kann, denn wohin uns die Ökonomie der Aufmerksamkeit noch führen wird, weiß heute niemand. Den meisten Politikern macht es anscheinend Angst, dass sie das nicht kontrollieren können. Eigentlich ist das hier nun auch eine gute Stelle, um meinen Lesern mal Honig um den Bart zu schmieren, in dem ich mich für das tapfere Erdulden meiner Beiträge bedanke. :-)

Übrigens glaube ich, dass Aufmerksamkeit teilbar ist ohne dabei selbst einen Verlust zu erleiden. Falls jemand eine ähnliche Weltanschauung wie ich, Humor, eine einigermassen rechtssichere Schreibe und Lust hat, vor einer Entscheidung über ein eigenes Weblog sich mit der Veröffentlichung von Beiträgen hier mal mal auszuprobieren, so freue ich mich, wenn er oder sie sich bei mir meldet und hier mitschreibt. Ich selbst habe mich durch bald eineinhalb Jahre bloggen, glaube ich, enorm weiterentwickelt und viele Teile meines Weltbildes wurden, besonders in Bezug auf Medien, Justiz und Wirtschaft, buchstäblich auf den Kopf gestellt.

14 Kommentare zum Beitrag “Die Ökonomie der Aufmerksamkeit”

  1. Chat Atkins sprach

    Keep on truckin’!

    ;-)

  2. stefan sprach

    In weiten Teilen kann ich das so und genau so unterschreiben. Die Aufmerksamkeitsökonomie ist ja meine Spielwiese.

    “Aber auch Nervenkitzel gibt es nicht wenig und manchmal fühle ich mich, als ob ich auf einer publizistischen Rakete sitze, deren Flugbahn auch ich nur in begrenztem Masse vorherbestimmen kann, denn wohin uns die Ökonomie der Aufmerksamkeit noch führen wird, weiß heute niemand.”

    Und das ist derzeit noch mein Problem. Leider habe ich noch nicht den Zustand der Unanscheissbarkeit erreicht, der es mir ermöglichen würde, alles zu sagen, was ich weiss, schlussfolgere und denke. Derzeit würde die dann über mich hereinbrechende Welle von juristischen Verfahren einfach mein zeitliches und monteäres Budget sprengen :-D

    Was bei Dir noch dazu kommt ist, dass Du halt genau das machst: du sagst sehr frei und sehr direkt, was du von diversen Dingen hälst. Viele, auch ich, lesen Dich daher mit einer gewissen Bewunderung und viel Hochachtung. Und eben diese Hochachtung ist es, die mir aufträgt zu sagen, dass nicht Du Deinen Lesern danken mußt, sondern Deine Leser Dir.

    In diesem Sinne: Keep on going

    Stefan

  3. zappi sprach

    Ich nehme den Dank dankend an, und muss mich da stefan anschließen. Ich ziehe den Hut vor dir. Deine souveräne Art mit den Anwälten und anderen Gegnern umzugehen, kann nur ein Vorbild für jeden sein. MAch weiter so. :)

  4. Anonymous sprach

    Fällt übrigens auf das Du dich nicht zu aktuellen politischen Themen äusserst.

    Nichtmal zum BVG Urteil zu Berlin.

  5. kingstoen sprach

    Hallo Herr Bartels,

    wenn pro Tag 4.500 Seitenabrufe stattfinden - gibt es dann auch ein Zahl der durchschnittlichen Besucher pro Tag (und somit ein Quote)?

    kingstoen

  6. Marketing sprach

    Ich denke mal, die Zahl der Bescher hängt der Zahl jener Genossen, die deinen Ausschluss herbeisehnen, aber noch deutlich hinterher…

  7. grendelsen sprach

    oups, ich glaube, ich bin beim trackback im spamfilter hängengeblieben. liegt vielleicht am titel des artikels.

    http://www.gren...net/zack/?p=241

  8. links for 2006-10-23 « Das Textdepot sprach

    […] Mein Parteibuch » Die Ökonomie der Aufmerksamkeit Marcel Bartels zur (manchen den Neid in die Augen treibende) Entwicklung seines Weglogs (tags: community weblog politik) […]

  9. Mein Parteibuch » Tips für Unternehmer zu Web 2.0, PR-Agenturen und so sprach

    […] Andersherum heisst das aber nicht, dass Unternehmen, die das nicht bieten können, gerade weil sie ein unethisches Geschäftsgebahren an den Tag legen, das Web 2.0 ignorieren können. Unethisch handelnde Unternehmen kommen weder durch unheimlich gute PR-Agenturen noch durch unfreundliche Anwaltsbriefe noch durch Ignorieren von kritischen Fragen noch durch Fernsehsendungen mit Fischgeruch aus einem Desaster im Web 2.0 heraus. Im Gegenteil, ein solches Verhalten gibt erst recht Anlass zur Kritik und die Regeln der Ökonomie der Aufmerksamkeit tun ihr übriges dazu, dass die peinlichen, am liebsten totgeschwiegenen Sachverhalte dann erst richtig bekannt werden. Fragen Sie mal bei AOL, IPA, MEG24, Die Dienstleister, HMI, Fischerwerke, AWD, Sportandoutdoor, Transparency International, Meinolf Lüdenbach, Jamba, Media Markt oder Siemens nach, wie das Web 2.0 funktioniert. […]

  10. Mein Parteibuch » Olympia goes Abmahnistan sprach

    […] Wäre ich Betreiber des Saftblogs, so würde ich gerade jetzt nicht das Weblog zumachen, sondern auf die Ökonomie der Aufmerksamkeit setzen und dem Deutschen Olympischen Sportbund eine Unterlassungserklärung ohne Anerkennung der Kosten vor die Füße werfen. Wenn dann der DOSB dann Lust hat, den Rechtsweg zur Promotion des Saftblogs zu missbrauchen, dann werden die Leute sicher ganz genau hinschauen, wer sich unethisch verhalten hat und wer sich moralisch einwandfrei verhalten hat. Im Vergleich zu anderen Werbeformen ist das sicher recht preisgünstige Werbung. […]

  11. Mein Parteibuch » Renato Malzoni und Daniela Cicarelli lassen Youtube in Brasilien sperren sprach

    […] Sex sells. Das gilt den Regeln der Ökonomie der Aufmerksamkeit zufolge natürlich erst recht für sexy Videos, die verboten sind. Ein hohes Gericht in Brasielien hat durch ein Verbot der Seite Youtube und eine Sperrverfügung an brasilianische Provider, deren genauen Inhalt Richter Enio Santarelli Zuliani nicht öffentlich bekannt geben wollte, einen Banker mit Namen Renato Malzoni und ein brasilianisches Modell namens Daniela Cicarelli weltweit bekannt gemacht. […]

  12. Mein-Parteibuch.com » Geschäfte mit den Namen von Mördern sprach

    […] Informationszeitalter bringen es die Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie der Aufmerksamkeit mit sich, dass Personen, die einen Mord begangen haben, der öffentlich bekannt geworden ist, […]

  13. Mein-Parteibuch.com » Propaganda bei der Tagesschau sprach

    […] dann auch in den Genuss einer Nennung der Webseite in der Tagesschau, was nach der “Ökonomie der Aufmerksamkeit” sicher ein Big-Point wäre. Dass, wer einen Bart hat, mit Guerilla-Marketing bei […]

  14. mein-parteibuch.com » Observosphäre sprach

    […] Mein Parteibuch bevorzugt den Begriff Informationszeitalter. Das rührt aus der Überzeugung, dass die Lebensbedingungen der Menschen innerhalb technologischer Rahmenbedingungen politisch gestaltet werden können. Genau wie die Nutzung der Technologie des Industriezeitalters nach einiger Zeit so gestaltet wurde, dass sie nicht nur den Eigentümern diente, sondern auch den Menschen, die die Maschinen bedienen, ein halbwegs annehmbares Leben ermöglicht, so lässt sich auch die Nutzung der Technologie des Informationszeitalters gestalten. Eine Schlüssel dazu ist, genau wie im Industriezeitalter, die Frage der Verteilungsgerechtigkeit. Während es im Industriezeitalter vor allem um die Frage der gerechten Verteilung von Industrieprodukten ging, geht es im Informationszeitalter um eine gerechte Verteilung der Güter Information und Aufmerksamkeit. […]

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