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19. Oktober 2006

Unterschicht

von @ 17:53. abgelegt unter Deutschland, Politik, SPD, Kurt Beck

In zahlreichen Blogs und Medien läuft gerade eine überraschend von unserem großen Parteivorsitzenden Kurt Beck losgetretene skurile Debatte um die Verwendung des Begriffes Unterschicht durch die Oberschicht. Kurt Beck möchte nun die Bildung der intellektuellen Unterschicht verbessern.

Gestern hat mich eine zum Thema arme Unterschicht und reiche Oberschicht bestens passende Glosse von D. Köhler erreicht, die sich wohltuend von dem dämlichen Geseier der Akademiker, die nun von der Unterschicht schwafeln, abhebt. Den Text mit Titel “Die Diktatur des Akademikerproletariats” finde ich so bemerkenswert, dass ich ihn hier vollständig wiedergeben möchte:


Die Diktatur des Akademikerproletariats

Unsere oberschlauen, doktorierten Sozialkundler und Politologen zeigen mit ihrem sauberen Zeigefinger auf die “Unterschichtler”. Auch ein neues, schlau klingendes, Wort wurde erfunden: Prekariat (Proletariat in einer prekären Lage)

Wohin zeigen aber die verbliebenen Finger unserer Schlaumeier?

Die Proleten im alten Rom waren Leute, die eines taten: Sie produzierten Kinder. Ansonsten waren sie zu nichts nütze und mußten vom Staat gefüttert werden. Schändlicherweise haben Vertreter der sozialistischen Bewegung im 19.Jhd. diesen Begriff auf die Arbeiterschaft gestülpt. Der Arbeiter ist von einem Herrn abhängig, der ihn bezahlt und ihm sagt, was er zu tun hat. Leute, die eine akademische Ausbildung haben, ansonsten aber wie die damaligen Arbeiter einen Herrn haben, der sie bezahlt und ihnen sagt, was sie tun und lassen müssen, sind das moderne Akademikerproletariat!

Dieses Proletariat ist durch große Unfruchtbarkeit gekennzeichnet. Es hat keine eigenen Ideen, keine eigene Verantwortung, keine Lebensrisiken- und chancen. Dafür hat es Herren, die es füttern, ihm die Sprache einüben - z.B. political correctness - und sonst auf die zugewiesenen Aufgaben conditionieren. Das Akademikerproletariat besteht aus Zombies, die zwar wie lebendige Menschen aussehen, aber keine sind. Selbst die biologische Funktion des römischen Lumpenproletariers ist zugunsten eines wachsenden Kontostandes und öder Konsumtion abgestorben. Akademikerproletariat ist gewöhnlich kinderlos.

Akademikerproletariat bescheinigt sich über vergebene Titel gegenseitig Weisheit, übt in Furcht vor den Zahlherren Selbstzensur, Wahrnehmungsselektion und geistige Prostitution. Akademikerproletariat ist als Stimmvieh in vielen Parlamenten vertreten, lebt gern in Behörden, ohne je zu remonstrieren, kuschelt in Konzernführungsetagen, hurt geistig in den Medien und Bildungsstätten und verbreitet seinen Lebensinhalt: Unfruchtbarkeit. Es kennt keinen Existenzverlust dafür aber gute Beziehungen. Sein Prinzip ist: Hochkommen und - Obenbleiben um jeden Preis!

So schwimmt es wie Dreck auf der Spülwoge, die nach einem Gewitter durch das vormals trockene Bachbett zieht. Selbst in Fluß und Strom, ja selbst im Meer sind die treibenden Schlieren zu erkennen. Akademiker haben viele Pflichten, weil die Natur ihnen Hirn gab. Sie sollen leisten, wozu andere intellektuell nicht in der Lage sind. Es sind hehre Pflichten.

Sie sollen beständig nach Wahrheit suchen.
Sie sollen Probleme erkennen, bevor sie gefährlich werden.
Sie sollen Lösungen schaffen, bevor sie nötig sind.
Sie sollen das Gemeinwesen in Ordnung und Disziplin halten.
Sie sollen das Volk bilden und trainieren, damit es gut, klug und tüchtig sei.
Sie sollen in eine Zukunft führen.

Deshalb werden Führungsaufgaben der Staatsverwaltung, der Universitäten und Hochschulen nur an Leute mit akademischer Ausbildung vergeben. Wir sehen aber:

Die Wahrheit bleibt ungeliebt!
Probleme werden erst gesehen, wenn sie ins Auge stechen!
Geistloses Geschwätz soll Konzeptionslosigkeit verbergen!
Gesetzeswirrwarr erschlägt das Volk!
Das Volk wird mit Betrug und Lügen verwirrt und dem Gammel preisgegeben.
Die Zukunft gleicht übler Vergangenheit.

Betrachten wir alle Finger unserer Unterschichtlervorführer, dann sehen wir das tatsächliche Problem. Wir haben ein massives Oberschichtlerproblem. Und dicke Gehälter hielten es uns nicht vom Hals.

D.Köhler
freier Publizist

Kurz hinweisen möchte ich noch auf meinen Beitrag aus der letztjährigen Vorweihnachtszeit mit Titel Dürfen Arbeitslose glücklich sein?

Nachtrag 21.10.2006: Dringend empfehlen möchte ich jedem, der sich an der Debatte zur Unterschicht beteiligt, auch die Lektüre eines Beitrags von Dr. Alexander von Paleske aus Botswana mit Titel „Unterschicht“ – Deutschlands zynische Debatte

14 Kommentare zum Beitrag “Unterschicht”

  1. stefan sprach

    Ich war vorige Tage auch… verwirrt von der Überraschung:
    http://unkreati...tories/2814651/

  2. Kai sprach

    Der Ausdruck Akademikerproletariat erinnert an den versammelten professoralen Unverstand.

  3. andreas sprach

    Vielleicht machst Du wenigstens die Quelle des Textes deutlich kenntlich, wenn Du schon vollständig abkupfern musst?

  4. Mein Parteibuch sprach

    Den Autor des Textes habe ich genauso angegeben, wie er dies gewünscht hat.

  5. andreas sprach

    Aua.

  6. Q sprach

    Die SPD, voran Franz Müntefering, will bekanntlich keine Unterschicht erkennen. Das ist merkwürdig, denn ein Schichtenmodell der Gesellschft lehnen die Parteivorturner sonst gar nicht so sehr ab. Man suche einmal bei Google mit den Begriffen: Mittelschicht SPD Beck. Ergibt satte 15.200 Treffer, darunetr z. B.:
    http://magazine...ik/2843328.html

    Wer A sagt, muss bekanntlich auch B sagen. Will heißen: wenn Beck & Co. sich um die Mittelschicht bemühen, muss es zwangsläufig eine darüber und eine darunter geben. Oben und unten eben. Wobei die Parteioberen und diverse Handlanger offenbar schon soweit oben sind, dass ihnen der Kontakt zur Mitte bereits schwer fällt. Kein Wunder also, dass der Blick bis ganz unten nicht gelingen will.

  7. Daniel sprach

    Unter Schröder wurde die “Neue Mitte” hochgejubelt. Diese “Neue” Mitte war aber wohl sowas wie die “Neue Soziale Marktwirtschaft” der gleichnamigen Arbeitgeberinitiative. Diese “Neue” Mitte war dumm genug, sich von Schröder & Co. vor den Karren spannen zu lassen und mit Hartz & Co. den Raubbau am Sozialstaat zu starten. Da blieb für die “Neue Mitte” dann nur noch eines: Entweder mit allen Mitteln aufsteigen oder gnadenlos absaufen. Das Ergebnis sehen wir nun: während die Wirtschaft ebenso wie die Höhe der Managergehälter und Renditen Rekordzahlen vermeldet, wird die Schande am anderen Ende der Skala nun offenbar. Müntefering kann nur Realitätsferne oder Altersstarrsinn vorgeworfen werden. Oder er ergibt sich ebenso wie Schröder arrogant im Empokömmlingstum. Dabei vergessen wird allerdings, dass Laufbahnen wie jene von Schröder oder Münte heute kaum bis gar nicht mehr möglich wären. Denn da hätten sie mit den Nöten des Alltags, die Hartz massiv vergrößert hat, so sehr zu kämpfen, dass sie keine Zeit und Kraft mehr für innerparteiliche Rektum- Expeditionen hätten.

    MfG

    Daniel

  8. Chefarztfrau sprach

    22:30 Berlin Mitte: Der Klassenkampf fällt aus…. http://chefarzt...ampf.html#links

  9. Ironwhistle sprach

    Unterschicht? Das ist jeder der Arbeitslos ist oder als Angestellter/Beschäftigter seine Brötchen verdient. wer mir nicht glauben mag, der sollte mal darüber nachdenken wie sicher sein Job tatsächlich ist… :)

    …Unterschicht? hehe, das ich nicht lache…

  10. Daniel sprach

    @9:

    Du bringst es auf den Punkt: jeder, der unfrei ist, weil er sich selbst versklaven muss, um seine Grundbedürfnisse decken. Ich glaube, es war Nietzsche, der sinngemäß sagte: “Wer nicht zwei Drittel seines Tages für sich hat ist ein Sklave.” Wir sind alle noch Sklaven. Weil wir in einem System leben, das die Masse der Menschen verleugnet, ausbeutet und quält. Es wird Zeit für die Umstellung des Sozialsystems auf das bedingungslose Grundeinkommen, auf das ohnehin alle Menschen ein natürliches Recht haben. Wer das bestreiten will, sollte sich einmal fragen, wem das Land, das heute feinsäuberlich in Grundstücke unterteilt wird, das Holz der Bäume, das zum bauen verwendet wird und Pflanzen und Tiere, die als Nahrungsmittel dienen, “gehörten”, bevor der Mensch sesshaft wurde. Dieser Planet ist das natürliche Erbe aller Menschen, das sich einige wenige Lügner und Betrüger weltweit (ca. 1-2% der Weltbevölkerung) unter den Nagel gerissen haben um es seitdem dazu einzusetzen, die Menschen auszunutzen und zu erpressen Dinge zu tun, die sie selbst nicht tun.

    MfG

    Daniel

  11. Rolf Schälike sprach

    Das Ganze hat etwas mit der Entfremdung der Arbeit zu tun.

    Das ist der Kernpunkt.

    Alles andere Flickarbeit.

  12. Kai sprach

    @ 10: “einige wenige Lügner und Betrüger weltweit” - Filmszene zum modernen Feudalismus (5,8 MB; 2 Minuten; WMV)

  13. Rolf Schälike sprach

    @10 Daniel
    Dieser Planet ist das natürliche Erbe aller Menschen, das sich einige wenige Lügner und Betrüger weltweit (ca. 1-2% der Weltbevölkerung) unter den Nagel gerissen haben um es seitdem dazu einzusetzen, die Menschen auszunutzen und zu erpressen Dinge zu tun, die sie selbst nicht tun.

    Wenn Du zu den 1-2% auch die Verwalter des “Volkseigentums” mit hinzu rechnest, dann geben ich Dir Recht.

    Recht gebe ich Dir nicht, dass alle Besitzer und Verwalter von Boden, Wasser, Wald, bald wahrscheinlich auch Luft, Lügner und Betrüger sind.

    Zu den 1-2% würde ich noch Mörder und sonstige Verbrecher (vor allem Kriegs- und Umweltverbrecher) hinzufügen, denn nicht alle Boden, Wasser, Holz und Luft besitzenden und verwaltenden Mörder und Verbrecher sind Lügner und Betrüger.

    Besitz und Verwaltung von Boden, Wasser, Holz und auch Luft ist jedoch andererseits notwendig.

    Kollektiver Besitz bzw. kollektive Verwaltung würde noch mehr Lügen, Betrug, Mord und sonstige Verbrechen hervorrufen als wir heute haben.

  14. Eddy Renard sprach

    Soso, der Unterschichtler ist entweder nicht als solcher zu erkennen (Münte) oder soll durch Bildung gerettet werden (Beck). Ach ja?!? - Vielleicht bildet man sich ja erst mal ÜBER den Unterschichtler. Zum Beispiel hier: http://www.der-...erschichtler.de - Denn merke: Lesen bildet. Selbst Politiker!

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