Die Ukraine war in den letzten Tagen gleich zweimal in den Schlagzeilen: einmal mit Glückwunschen zum ersten Jahrestag der friedlichen demokratischen Revolution und zum Zweiten durch einen Streit um die Preise für Gas aus Rußland.
Ich will dazu mal mit ein paar Worten Stellung nehmen, weil mich schon seit einiger Zeit vielfältige mit der Ukraine verbinden, weil die Verhältnisse in der Ukraine hier meiner Meinung nach als bizarres Zerrbild der Wirklichkeit erscheinen, weil ich die Beziehungen zur Ukraine auch exemplarisch für die Nöte der deutschen Außenpolitik ansehe und weil ich befürchte, dass nicht die Ukraine sich unseren Verhältnissen annähert, sondern wir uns ukrainischen Verhältnissen annähern.
Der Streit um den Gaspreis ist schnell erklärt. Schon seit der Unabhängigkeit der Ukraine streiten Russen und Ukrainer mit harten Bandagen um den Gaspreis. Schon öfter kam es vor, dass die Russen wegen Diebstählen oder unbezahlten Rechnungen den Hahn abgedreht haben. Dann funktioniert in den Großstädten fast nirgendwo mehr die Zentralheizung, es gibt kein Warmwasser und mit Gas kochen geht auch nicht. Das Leben ist in dicken Pullovern nd mit Handschuhen zu Hause wirklich nicht besonders angenehm, das kann ich aus eigener Ukraine-Erfahrung versichern. Nun möchten die Russen gern eine Preiserhöhung von 50 US-Dollar auf 230 US-Dollar je 1000 Kubikmeter durchsetzen. Bei gut 60 Mrd m3 Gasimport würde das eine Preiserhöhung von 3 Mrd Dollar auf gut 13 Mrd Dollar ausmachen. Rußland droht mit dem Schließen des Gashahnes zum 1. Januar und die Ukraine feilscht nach Kräften und überlegt fieberhaft, wie die Preiserhöhung durch die Verteuerung von Leistungen, die die Ukraine für Rußland erbringt, möglichst weitgehend abgemildert werden kann. Möglich ist zum Beispiel, die Transitgebühren für die Durchleitung von Gas zu vervielfachen oder die Gebühren für die Nutzung der Krim durch die russische Schwarzmeerflotte zu vervielfachen. Damit 10 Mrd Dollar jährlich rauszuholen dürfte schier unmöglich sein und so sieht es so aus, als würde es am 1. Januar kalt werden in der Ukraine, wenn die Ukraine nicht noch gigantische Gasspeicher hätte.
Ein offenes Geheimnis ist, dass Vladimir Putin persönlich bestimmt, welches Land welchen Gaspreis zahlt. Vladmimir Putin kann nun kräftig Druck machen, nachdem Gerhard Schröder mit den Russen eine direkte Pipeline durch die Ostsee vereinbart hat. Nicht ganz traurig dürfte Vladimir Putin darüber sein, dass es dem ukrainischen Volk wohl noch lange in Erinnerung bleiben wird, wenn auf die Wahl eines ihm nicht genehmen Präsidenten Kälte in den Wohnungen folgt. Die nun zu den Parlamentswahlen im März kommenden konterrevolutionären Wahlplakate mit dem Hauptmotiv der Wärme sehe ich bereits bildlich vor mir.
Zum ersten Jahrestag von Demokratie und Meinungsfreiheit möchte ich der Ukraine von Herzen gratulieren. Wer meine Blogroll aufmerksam betrachtet hat, der sieht, dass da schon lange ein Link zum Maidan, dem zentralen Ort der Bürgerproteste in der Ukraine, drauf ist. Und ich bekenne mich dazu, Pora mit einer Spende unterstützt zu haben. Und ich denke, die Ukraine hat trotz der derzeitigen von Maria Malinkowitsch beim Osteuropa-Institut München in Ansätzen beschrieben offenkundigen Probleme, wie sie zum Beispiel werden, riesige Fortschritte im letzten Jahr gemacht. Im Gegensatz zu Maria Malinkowitsch sehe ich das Hauptanliegen des bürgerlichen Protestes außer der Meinungsfreiheit nicht in einer stabilen Regierung oder Wirtschaftswachstum, sondern in der Bekämpfung der allumfassenden Wirtschaftskrimininalität und Korruption sowie im Aufbau einer funktioniereden Justiz, die stark genug ist, im Verdachtsfall beliebige hohe Politiker und reiche Industrielle anzuklagen.
Die Darstellung der Ereignisse des demokratischen Umsturzes in der Ukraine von German Foreign Policy, die unglücklicherweise auch noch vom Saar-Echo, einer Publikation, die ich sonst sehr wohl schätze, wiederholt wurde, ist aus meiner Sicht jedoch eine grobe Fälschung der Geschichte.
Der unbekannte Autor von German Foreign Policy erweckt den Eindruck, als sei das Sinken des gemessenen Wirtschaftswachstums ein Zeichen für eine verfehlte Politik. In einer Wirtschaft, in der nach wie vor weit mehr als 90% in der Schattenwirtschaft fern jeglicher offiziellen Statistik stattfindet, ist das Wirtschaftswachstum eine von Einzelpersonen steuerbare Größe. Tatsächlich ist es so, dass durch die juristische Verfolgung der Straftaten der gigantischen Selbstbereicherung der milliardenschweren Oligarchen diese ihr offizielles Engagement gedrosselt haben. Das Sinken des Wirtschaftswachstums ist direkte Folge dessen, dass Verbrecher verfolgt werden.
Weiterhin wird vom unbekannten Autor von German Foreign Policy unzutreffenderweise so getan, als ob es in der Ukraine eine Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit der pro-russischen Medien gäbe. Das ist Quatsch, es wird ledilich dafür gesorgt, dass die prorussische Oligarche ein Jahr nach der Revolution nicht mehr in der Lage sind, in einigen östlichen Gebieten die komplette Medienlandschaft zu dominieren. Vor der Revolution wurde kritischen Journalisten wie Georgiy Gongadse, die sich nicht an die Zensurvorgaben des Präsidialamtes gehalten haben, auf Anweisung des Präsidenten einfach der Kopf abgeschnitten, heute hingegen bekommen alle Gruppen Sendezeit und die Möglichkeit, ihre Meinung im staatlichen Fernsehen zu artikulieren.
Zu guter letzt erweckt der unbekannte Autor den Eindruck, als sei es insbesondere Deutschland gewesen, dass den Umsturz in der Ukraine beförderte. Angesicht von Gerhard Schröders Engagement für die Ostsee-Pipeline der Gasprom mutet der Vorwurf geradezu absurd an, Gerhard Schröder habe die Ukraine gegen Rußland in Stellung bringen wollen, um Rußland einzukreisen. Deutschland war in Gegenteil bei der Revolution in der Ukraine äußerst zurückhaltend, schmerzlich vermißt wurden deutsche Spitzenpolitiker auf dem Maidan, wo neben amerikanischen und polnischen Spitzenpolitikern zur Ehrenrettung Deutschlands lediglich die Bundestagsabgeordnete Claudia Nolte von der damals oppositionellen CDU ein paar Grußworte sprach. Gerhard Schröder hat mit seiner Ostpolitik nämlich zwischen den Stühlen gesessen, einerseits war die deutsche Außenpolitik auf gute Beziehungen mit Rußland und Vladimir Putin ausgerichtet und andererseits konnte die SPD den Willen des ukrainischen Volkes zur Annäherung an Deutschland und die EU nicht ignorieren, was klar gegen die Interessen von Vladimir Putin war.
Im Falle der mit Geld aus Amerika und Großbritanien finanzierten Demokratisierung der Ukraine zeigt sich deutlich, wie problematisch die deutsche Außenpolitik ist. Deutschland sitzt, wie schon so oft in seiner Geschichte, wieder einmal zwischen den Stühlen von Ost und West. Die Block der Marktradikalen im Westen steht gegen den Block des russischen Zarenreiches im Osten und Deutschland sitzt dazwischen. Auch wenn ich die rot-grüne Bundesregierung scharf kritisiert habe, weil sie zur Demokratisierung der Diktatur in der Ukraine nicht mehr getan hat, so hat sie mit der Delegation des Problems an die EU jedoch zumindest sehr vorsichtig gehandelt, egal ob man das nun gutheißt oder nicht.
Wenn gewählte Politiker nicht das machen, was die Lobby will, dann gründen Lobbyisten erfolgreich eigene Parteien, die nur der Beförderung der Interessen der von ihr vertretenen Firmen dienen. Eine Partei deutscher Banker unter Führung von Rolf Breuer, eine Partei der Allianz für Deutschland mit Sitz in München, rheinisch-westfälsche Powerpartei unter Führung von Werner Müller komkurrieren mit einer Partei für gutes Konsumklima unter Vorsitz von Thomas Middlehoff, so in etwa sieht die politische Landschaft der Ukraine aus, wenn man die Namen mal auf Deutschland überträgt. Das Mandat im Parlament ist vor allem deshalb wichtig, damit die Justiz wegen der Immunität des Abgeordneten die von ihm begangenen Straftaten nicht verfolgen kann. Aber das kennen wir ja auch aus Italien.
In der Ukraine haben wir gesehen, wohin es führt, wenn die Wirtschaft komplett in die Schattenwirtschaft abgleitet, weil die vorhandenen bürokratischen und steuerlichen Regelungen nicht mehr erfüllt werden können. Es kann sich eine Diktatur bilden, bei der formell zwar ein Rechtsstaat besteht, inoffiziell sich jedoch ohne das Wohlwollen derMächtigen kein Rad dreht. Die Justiz wird von den Mächtigen instrumentalisiert, dient also nicht mehr zur Herstellung von Gerechtigkeit, sondern als schlagkräftige Strafeinheit der Machthaber. Das den Entscheidungsträgern anvertraute staatliche oder private Betriebsvermögen wird schnellstmöglich liquide gemacht und möglichst allumfassend auf private Offshore-Konten transferiert. Wahlkämpfe werden durch plumpe populistische Geschenke gewonnen. Unabhängige Bildung wird zugusten der betrieblichen Bildung weitgehendst abgeschafft, weil sie Geld kostet und sonst nur Ärger macht.
Es bestürzt mich zu sehen, wie sehr sich die deutschen Verhältnisse in Richtung der Oligarchie nach russischem Vorbild entwickeln. Die Ukraine zeigt uns aber auch, wie sich etwas ändern kann: nämlich dann, wenn Menschen für Demokratie, Meinungsfreiheit und eine gerechte Justiz zu Hunderttausenden auf die Straße gehen. Das letzte Jahr der ukrainischen Geschichte zeigt aber auch, dass es um die Machthaber auszutauschen, Milliarden von Dollar für den Wahlkampf bedarf, und selbst das kein Garant dafür ist, dass die Verhältnisse sich danach entwickeln wie erhofft. Im Gegenteil, es sind eher kleine Schritte zu erwarten.
Mich würden jedoch auch kleine Schritte freuen, wenn sie denn in die richtige Richtung gehen.
Nachtrag 11.01.2006: Eine lesenswerte detaillierte Analyse zu Gasmarkt, Gaspreis und Gashandel findet sich im R-Archiv.
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Par·tei·buch n. Heft mit persönlichen Daten und Mitgliedsnummer zum Beweis der Mitgliedschaft in einer Partei
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Lieber Marcel, Sie treten doch nicht bald in die CDU ein? *g*
@Alexander
Keineswegs, aber es war nun mal so, dass Claudia Nolte auf dem Maidan war und nicht Gerhard Schröder oder Joschka Fischer. Die deutschen haben sich bei der Durchsetzung des Wahlrechts in der Ukraine vornehm rausgehalten, bis der Kampf entschieden war.
Ich habe übrigens in meinem ganzen Leben noch keinen so erbittert geführten Wahlkampf wie den in der Ukraine im letzten Jahr erlebt. Man sagt übrigens, dass er teurer war als der Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft.
> Man sagt übrigens, dass er teurer war als der Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft.
Wenn es sich um derart große Summen handelt, dann stellt sich natürlich die Frage nach der Herkunft dieser Gelder - auf beiden Seiten, wobei die Quellen der abgewählten Seite vielleicht sogar noch offener zu Tage getreten sind (Moskau!) als die der siegreichen Seite.
Ganz kostenlos war der Wahlkampf der Sieger ja auch nicht: Allein schon die Organisation der diverse orangenen Accessoires (es gab ja nicht nur selbergestrickte Mützen) war durchaus professionell vorbereitet & dazu eine logistische Meisterleistung (die Vorlaufzeiten für die die Produktion derartiger Mengen Stoff in einer Sonderfarbe sind nicht zu unterschätzen!) und mußte ja auch bezahlt werden:
die ukrainischen Tuchfabriken waren (sind?) ja in der Hand der alten regierenden Klasse und werden kaum die Materialien für den Gegner bereitgestellt haben und die üblichen sonstigen Stoffhersteller lassen sich alle in harter Währung bezahlen.
Diese Gelder müssen ja entweder
- irgendwo in der Volkswirtschaft der Ukraine erwirtschaftet worden sein und wären demzufolge wohl von beiden Seiten den Menschen entzogen worden, die sie bitter benötigt hätten.
oder
- aus dem Ausland gekommen sein; die eine Seite hat sicher massiv aus Moskauer Töpfen gefressen, aber die andere? Etwa nur von 10€-Kleinspenden aus Deutschland gelebt? Oder einer größeren Spende der Klitschkos? Illusorisch, das zu glauben.
Schaumamal, ob es da zu einer “brutalstmöglichen Aufklärung” ((c)R.Koch) bzw. zu einer Offenlegung kommen wird.
Vielleicht war ja die CIA im Spiel ….
Marcel, kennst Du dazu vielleicht Quellen?
@Max
Als direkte Kosten für den Wahlkampf in der Ukraine 2004 habe ich mal eine Zahl von 900 Millionen Dollar gelesen; leider finde ich die Quelle dazu nicht mehr. Praktisch halte ich diese enorme Summe für sehr realistisch, weil das pro-russische Lager versucht hat, alle Werbeflächen in der Ukrane für die Wahlkampfzeit aufzukaufen und so zu verhindern, dass eine oppositionelle Meinung überhaupt in das Bewußtsein der Bevölkerung kam.
Auf Seite des pro-russischen Lagers, stammten die Wahlkampfgelder direkt aus der Staatskasse und aus der Privatschatulle des von Kutchma und Putin protegierten milliardenschweren
WirtschaftskriminellenOligarchen Rinat Akhmetov.Auf Seite des pro-amerikanischen Lagers stammten die Wahlkampfgelder unter anderem direkt vom amerikanischen Kongress, von George Soros und vom vor Putin ins Exil geflüchteten ebenfalls milliardenschweren Wirtschaftskriminellen Oligarchen Boris Beresowski.
Dass diese Big Boys der Weltwirtschaft ihre Fnger im Spiel hatten und verbissen um die Macht in der Ukraine gekämpft haben, heißt natürlich nicht, dass es in beiden Lagern nicht noch weitere Finanziers pro und contra gab. Viktor Yushchenko ist von Beruf schließlich Zentralbanker mit besten Kontakten in die Finanzwelt und Gasprinzessin Yulia Timoshenko dürfte im Bekanntenkreis sicher auch einige hundert Millionen Dollar für den Wahlkampf locker gemacht haben. Anhaltspunkte dafür, dass es bei dem Milliardengeschäft der ukrainischen Revolution auch nennenswerte Unterstützung aus Deutschland gab, habe ich jedoch nicht.
Persönlich glabe ich übrigens, dass die Motivation von Yulia Timoshenko und Viktor Yushchenko für diesen gewaltigen Kraftakt darin lag, die Mörderbande um Kutchma vor Gericht zu bringen, die Finanziers in der Revolution jedoch in erster Linie ein Geschäft sahen. So wie ich Leonid Kutchma selbst und die versoffene primitive Bande um ihn herum einschätze, haben sie nicht gezögert, mißliebige Menschen zu ermorden. Die Motivation von Yulia Timoshenko sehe ich durchaus in Rache für die Versuche von Leonid Kutchma und seinen Freunden, sie ermorden zu lassen. Mit Worten ähnlich wie “Mach die Sau platt” wurden von den Machthabern Todesurteile nicht nur im Fall Gongadse ausgesprochen.
Die Verfolgung von Korruption und Regierungskriminalität ist trotz aller Probleme im Vergleich zu dem, wie es vor einem Jahr aussah, weit vorangeschritten. Ich meine, obwohl es inzwischen durch den Streit unter den Finanziers der Revolution ernsthafte Probleme gibt, so ist eine Rückkehr zu der Regentschaft einer solch versoffenen Mörderbande wie unter Kutchma ausgeschlossen.
[…] Zum jüngsten Gasgeschäft zwischen der Ukraine und Rußland hat sie sich sehr abwertend geäußert, woraufhin in der Ukraine die Regierung vom Parlament abgesetzt wurde, damit der Vertrag nicht gültig werden kann und von Präsident Viktor Juschtschenko wieder behelfsmäßig eingesetzt wurde, damit der Vertrag doch gültig werden kann. Das wird sicher recht interessant, ihre Erläuterungen für Deutschland zu hören. Ich bin außerdem mal gespannt, was Julia Timoschenko zum neuen Job unseres Ex-Kanzlers Gerhard Schröder sagt. […]
[…] In der Ukraine finden heute Parlementswahlen statt. Aufgrund der Revolution von vor zwei Jahren werden die heutigen Wahlen im wesentlichen sicherlich frei und fair verlaufen. […]