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30. Juni 2005

ZDF WISO im Jobcenter Neukölln - mach noch mal ein bisschen Stimmung

von @ 14:29. abgelegt unter Neukölln

Gestern hat Mein Parteibuch darüber berichtet, wie das Jobcenter Neukölln nun von draußen aussieht, am Montag gibt es dann die Innenansicht vom Jobcenter Neukölln in bester Fernsehqualität bei WISO. Mein Parteibuch bringt Details zur Geschichte hinter der Sendung, für die im ZDF Beitrag sicher kein Platz sein wird.

Das erste, was mir im neuen Jobcenter aufgefallen ist, war, dass das Labyrint von Amtsstuben und Warteräumen beseitigt wurde, und Kundschaft dafür nur noch in drei Großraumbüros im Erdgeschoss bedient wird. Nach einer Anmeldung in einer Empfangshalle mit gut 10 Countern, erinnerte mich an einen Check-in auf einen Interkontinentalflug, geht es gut 10 Minuten später rein in Warteraum 1. Der Checkin Officer erklärt freundlich den Weg und sagt, man würde mit Namen aufgerufen.

Warteraum 1 im Jobcenter Neukölln ist mit etwa 15 mal 40 Metern Größe, bestimmt über 30 Grad Raumtemperatur und nahezu 100% Luftfeuchtigkeit vermutlich derzeit die größte Sauna Berlins. Vorne links bfindet sich eine Hartschalensitzgruppe mit insgesamt 34 Sitzplätzen in vier eng aneinander gedrängten Sitzreihen. So eng mögen die Menschen nicht gerne aufeinerhocken, deshalb lassen die Kunden dort meist jeden zweiten Platz frei. In der Mittte füllt den Raum eine Warteschlange von etwa 100 oder 200 Menschen vollständig aus, bei der man erst nach einiger Zeit feststellt, dass das gar keine Warteschlange ist, sondern die Menschen da in der Sauna nur irgendwie rumstehen und warten, bis sie aufgerufen werden. Manch einer macht es sich da schon mal liegenderweise ohne Stuhl auf dem neuen und sauberen Teppich bequem.

An den Seiten des Raumes stehen jeweils acht Schreibtische, hinter denen die tapferen Bademeister der Sauna sitzen. Zwischen ihren Schreibtischen haben die Mitarbeiter Rollcontainer gestellt, damit sich kein Kunde aus versehen auf die andere Seite der Schreibtischfronten verirrt.

Die Bademeister versuchen sich alle paar Minuten daran, einen der häufig nur schwer aussprechbaren Namen der Saunagäste so laut in die Menge zu rufen, dass der Ausgerufene eine Chance hat, seinen Namen auch zu hören. In den Klangteppich fein eingewoben ist zwischenzeitliches Plärren von kleinen Kindern. Die Kunden durten am heutigen Donnerstag dem Klangteppich etwa zwei Stunden gespannt lauschen, bevor sie am Tisch der tapferen Kämpfer gegen die Antragsfluten Platz nehmen durften.

Jeder tapfere Kämpfer hat dort einen Schreibtisch ohne Unterbau, so dass der Raum schön transparent wirkt, darauf nebst Tastatur und Maus ein Telefon und ein LCD von Belinea, daneben als Sperrpfosten gegen die Flut der Saunagäste seinen Rollcontainer, auf dem ein Maxdata PC mit Aufsticker “Intel Celeron Inside” und ein Laserprinter von Kyocera Platz finden und hinten an der Wand ein Sideboard mit Schiebetür. Sitzen dürfen die Bademeister auf funktionalen Drehstühlen mit Polsterung in frecher oranger Farbe, während die Saunagäste mit zwei einfachen nicht drehbaren, aber dafür auch frech orangefarben gepolsterten Stühlen Vorlieb nehmen müssen.

Die Kundenbetreuer haben Zugriff auf die Daten und geben bereitwillig Auskünfte zum Einzelfall an jedermann, nicht einmal ein Ausweis ist dazu mehr erforderlich, und sie können sogar Tickets in das Ticketsystem eintragen, damit das bearbeitende Team in den höheren Etagen davon Kenntnis erhält, dass sie den konkreten Fall nun bitte zeitnah bearbeiten möchten.

Ein besonderes Goodie heute war ein Kamera-Team des ZDF Magazins WISO in der Sauna des Warteraum 1, ich glaube es war Claudia Krafczyk, die ein Team aus schwitzendem Kameramann und Tontechniker anführte und die Saunagäste interviewte. Wieso die Claudia Krafczyk da rumlaufen durfte und mit Fernsehteam drehen durfte und ich gestern nicht einmal ein Bild von der Fassade machen sollte, ist mir nicht ganz klar. Neben dem Team von WISO scharwenzelte Herr Uwe M. mit Krawatte und Namensschild von der Bundesagentur für Arbeit rum, der trug eine Aktenmappe, wo Presse drauf stand. Es ist Wahlkampfzeit. Vielleicht muß ich ja auch erst bei meinem Publikum Gebühren wie die GEZ abzocken und einen Mitgliedsausweis des Rabattvereins DJV haben, damit ich ein paar Bilder vom Jobcenter Neukölln machen kann.

Für einen Beitrag zur Sendung am kommenden Montag, den 4.7.05 um 19:25h fragte Claudia Krafczyk ihre Interviewpartner nach völlig unbedeutenden Dingen, wie, ob es denn nun besser geworden sei, oder wie es denn mit der telefonischen Erreichbarkeit bestellt sei. Warum WISO ausgerechnet nach der telefonischen Erreichbarkeit des Jobcenters fragt, ist mir unverständlich, denn schließlich ist der Mißstand bekannt, dass Telefonanrufe in einem Hamburger Call Center landen, das nur allgemeine Auskünfte geben kann. Und deswegen beginnt ja ab Montag das Berliner Call Center mit der Arbeit, dass dann auch Zugriff auf die Daten der Kunden bekommt. Nach WISO einige Male von den Badegästen antworten erhielt, wie dass es gar nicht so schlimm sei mit Hartz IV, dass man auch früher schon warten mußte, hat WISO dann nach einigem Suchen endlich jemanden gefunden, der in das Bild paßt. Jung, hellhäutig und männlich, das paßt gut. Nach dem Interview dann noch ein paar Bilder von dem jungen Mann beim Warten. Halt, doch nicht im Sitzen, das sieht dann ja so aus, als ob es freie Sitzplätze gäbe. Und zu guter Schluß meine ich, dass die Reporterin von WISO, von der ich annehme, es war Claudia Krafczyk, noch zu ihrem Kameramann, der darauf Bilder von den Füßen der Kunden des Jobcenters machte, geflüstert hat: Und jetzt mach noch mal ein bißchen Stimmung, bitte.

4 Kommentare zum Beitrag “ZDF WISO im Jobcenter Neukölln - mach noch mal ein bisschen Stimmung”

  1. Mein Parteibuch » Blog Archive » Was treibt der Hartz IV Ombudsrat? sprach

    […] r Ombudsrat behauptet, er hätte mit unzähligen Betroffenen gesprochen - also hier an der Realität von Berlin Neukölln geht […]

  2. Mein Parteibuch » Blog Archive » Silke Lautenschläger (CDU): Sippenhaft bei Hartz IV einführen sprach

    […] Dazu meint Mein Parteibuch: Liebe Silke Lautenschläger, Sie verkennen die Realitäten. Wenn jemand aus einer Familie kommt, in der mehrere Personen Hartz IV Empfänger sind, dann wird seine Motivation, sich einen Job zu suchen, sicher nicht dadurch gesteigert, dass er von seinem Verdienst dann das ALG II seiner Angehörigen bezahlen soll. Im Gegenteil, die Abkoppelung von den Angehörigen ist wichtig, da dadurch die Chancen steigen, dass jemand den Kreislauf des Sozialleistungsbezuges über mehrere Generationen durchbricht. Kommen Sie mal hierher nach Berlin Neukölln, da werden Sie verstehen, wovon ich rede. […]

  3. Mein Parteibuch » Blog Archive » Jobcenter Neukölln - Testbericht vom Callcenter in Berlin sprach

    […] Fazit: Die Entscheidung über die Gewährung von Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes hat sich in Berlin Neukölln aufgrund der langen Bearbeitungsdauern in den Bereich der Beurteilung von Eilanträgen verschoben. Das macht die Situation nach wie vor für alle Betroffenen unbefriedigend, es gibt also noch viel zu tun. Das Callcenter der Berliner Jobcenter ist im Gegensatz zu Forderungen der CDU nach Sippenhaft à la Silke Lautenschläger zumindest ein Fortschritt [Trackback URI]    [Permalink] […]

  4. Robert Dupuis sprach

    Mein Fazit zum “neuen Jobcenter” und zum Ombutsrat: beide Einrichtungen könnte nach meinen negativen Erfahrungen sofort abgeschafft werden, da die “Arbeit” des Ombutrates, bzw. der Mitarbeiter einer externen Telephonzentrale, nur aus telephonischen Beschwichtigungen besteht und die Mitarbeiter im Jobcenter nicht in der Lage (oder gewillt) sind, Anträge auf ALG II in einem akzeptablen Zeitraum zu bearbeiten.
    In meinem Falle (ich war bis zum 25. Mai 05 in einem ABM Forschungs- u. Ausstellungsprojekt: “100 Jahre Bauen für Neukölln - eine kommunale Baugeschichte” beschäftigt) wurden eingereichte Unterlagen verschlampt und somit warte ich auf die Bearbeitung meines ALG II Antrages seit dem 26.05.05 !! Nach zweimaligen Besuch des Jobcenters Berlin-Süd in der letzten Woche wurde mir vom Sachbearbeiter zugesagt, nach dem ich die vom Jobcenter verschlampten Unterlagen nachreichen mußte, daß ich bis zum 27.07. den Bescheid und Geld erhalten soll. Bisher habe ich weder einen Bescheid erhalten, noch habe ich einen Geldeingang auf meinem Konto feststellen können. Da ich sicherlich morgen (Mittw. 27.07.05) auch noch kein Bescheid erhalten werde, bin ich gezwungen nochmals das Jobcenter aufzusuchen (diesmal heimzusuchen). Ich bin stinksauer !!

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